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Wenn das Sozialverhalten gestört ist: Kinder und Jugendliche auf emotionaler Ebene erreichen

Bereicherten mit ihren Vorträgen das Programm der 17. Uchtspringer Herbsttagung - von rechts nach links: Gastreferent Dr. med. Kahlid Murafi (Chefarzt des nordrhein-westfälischen Zentrums für Seelische Gesundheit „Haus Walstedde“), Dr. Ute Ebersbach (Chefärztin der Klinik II für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie Uchtspringe) und Ginka Mladenova (leitende Oberärztin der Uchtspringer Klinik II für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie Uchtspringe).

Hansestadt Stendal I OT Uchtspringe. Möglichkeiten und Grenzen der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen, die durch ihr selbstdestruktives und aggressiv-antisoziales Verhalten auffallen, standen am Mittwoch (23. September 2020) im Blickpunkt der 17. Uchtspringer Herbsttagung. Dr. Ute Ebersbach als gastgebende Chefärztin der Klinik II für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie Uchtspringe begrüßte dazu rund 70 Fachleute aus Einrichtungen und Institutionen der Region, die in ihrer Arbeit mit extremen Verhaltensweisen im Kindes- und Jugendalter konfrontiert sind. Aufgrund der Corona-Pandemie konnten nicht alle Anmeldungen zur Veranstaltung berücksichtigt werden. Daher soll eine Ausstrahlung von Teilen der Fachtagung im Internet folgen. Als Referenten brachten sich Dr. med. Kahlid Murafi, Chefarzt des nordrhein-westfälischen Zentrums für Seelische Gesundheit „Haus Walstedde“, sowie die leitende Oberärztin Ginka Mladenova aus der Uchtspringer Klinik II für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie Uchtspringe in das Programm ein.   
Zum Hintergrund der Veranstaltung: Mehr als ein Drittel der jungen Patienten, die zur Diagnostik und Therapie im Salus-Fachklinikum Uchtspringe aufgenommen werden, sind durch aggressives, provokantes, tyrannisierendes oder extrem streitsüchtiges Verhalten bis hin zur Kriminalität auffäl-lig geworden.  „Sie werden häufig mit großem Druck bei uns angemeldet, mitunter sogar unter strafendem Aspekt. Ob der klinische Rahmen für das jeweilige Kind oder den Jugendlichen wirklich hilfreich sein kann, ist jedoch vorrangig nach medizinischen und psychosozialen Kriterien zu beur-teilen“, erklärt Chefärztin Dr. Ute Ebersbach. „Das Brechen anerkannter sozialer Regeln allein kann noch nicht mit einer krankhaften Störung gleich gesetzt werden. Psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlungsbedarf kann bestehen, wenn betont antisoziales und aggressives Verhalten in verschiedenen Lebensbereichen und über längere Zeit fort besteht und damit den weiteren Entwicklungsverlauf des Kindes gefährdet. Wir sprechen hier nicht über kindliche Widerspenstigkeit oder jugendliche Ausreißmanöver, sondern über sehr komplexe Störungen.“
Nach den Worten von Frau Dr. Ebersbach konnte im Verlauf der Uchtspringer Herbsttagung deutlich gemacht werden, dass die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung von Mädchen und Jungen mit schweren Störungen des Sozialverhaltens eine enorme Herausforderung ist.  „Es geht ja nicht vordergründig um Disziplinierung und angepasstes Verhalten.  Vielmehr ist zu berücksichtigen, dass viele dieser jungen Menschen in einem Teufelskreis von Resignation, Hoffnungslosigkeit, Wut und Verweigerung stecken. Das kann die Erarbeitung von Therapiezielen sehr behindern“, erklärt die erfahrene Fachärztin. „Häufig stecken dahinter körperliche Erkrankungen und Einflüsse, die während der Schwagerschaft stattgefunden haben, frühe Beziehungsstörungen, eine unzureichende Mentalisierung, oft wiederholte Trennungssituationen oder andere Traumatisierungen. Wir können diese nicht ungeschehen machen. Aber wir können, wenn ein Zugang auf der emotionalen Ebene gelingt, die Verletzungen und den Schmerz dieser jungen Patienten psychotherapeutisch bearbeiten. Im besten Fall finden sie dann den Weg zu ihren eigenen Gefühlen, zur eigenen inneren Welt und können ihr destruktiv-zerstörerisches Verhalten aufgeben.“ Ob diese Bestärkung und Gesundung möglich sei, hänge maßgeblich von der Bereitschaft und Fähigkeit enger Bezugspersonen – insbesondere der Eltern - zur aktiven Mitwirkung ab.      
Chefärztin Dr. Ebersbach verweist weiterhin darauf, dass die psychotherapeutische Behandlung von Kindern mit schweren Störungen des Sozialverhaltens nicht die einzige Intervention sein darf, um sie vor einem Lebensweg in anhaltende Abhängigkeit, Selbstdestruktion, Verwahrlosung und Kriminalität zu bewahren. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie sei gefordert, eine möglichst genaue Diagnostik zu erstellen, die zu Grunde liegende Störung zu finden, zu erklären sowie die Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung aufzuspüren. „Diese Erkenntnisse geben wir dann in Form von individuellen Empfehlungen an andere Helfersystemen weiter, beispielsweise an Schule und Jugendhilfe.“  Notwendig sei der Schulterschluss aller Berufsgruppen und Institutionen, die gemeinsam mit den jungen Leuten und ihren Familien eine Gesundung der Persönlichkeitsentwicklung bewirken können. Angemahnt wurde im Verlauf der Uchtspringer Herbsttagung auch, dass alle Institutionen gemeinsam die Arbeit mit Müttern, Vätern sowie zukünftigen Müttern und Vätern intensivieren müssen. „Frühe ICH-strukturelle Störungen entstehen in den ersten zwei bis fünf Lebensjahren. Es sollte vorbeugend mit den zukünftigen Eltern gearbeitet. Vielleicht bereits im Schulunterricht und Projektgruppen.“

Laut Kinder- und Jugendlichensurvey des Robert-Koch-Instituts (www.kiggs.de) sind in Deutschland etwa 21 Prozent der unter 18-jährigen Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig und zehn Prozent von behandlungs-bedürftigen Störungen betroffen. Zu den häufigsten Problemen gehören  Hyperaktivität, Depressionen, Ängste, betont unsoziales Verhalten und Aggressivität.  Die Daten zeigen auch, dass Kinder mit sozial schwachem Hinter-grund nicht nur unter größeren psychischen Belastungen leiden, sondern Probleme auch schlechter bewältigen können als Gleichaltrige aus stabileren Verhältnissen.