Kindern Halt geben in der Corona-Zeit: Realitätssinn und Kreativität statt Katastrophe

von Edda Gehrmann

Seit dem Frühjahr 2020 ist die Corona-Pandemie allgegenwärtig. Kinder und Jugendliche werden dabei in der Öffentlichkeit überwiegend als Teil der Gesellschaft wahrgenommen, der in Tagesstätten betreut und beschult werden muss oder rücksichtslos Party macht. Genauso wie Erwachsene kämpfen sie jedoch mit Einschnitten in ihrem Alltag, sorgen sich um ihre Familien und fühlen sich manchmal einsam und hilflos. Dafür brauchen sie den Beistand ihrer wichtigsten Bezugspersonen.  

Die Corona-Pandemie greift tief in die Lebens- und Gefühlswelt von Kindern und Jugendlichen ein. Sei es, weil Feiertage anders ablaufen als gewohnt, weil man Freundinnen und Freunde nicht so unbeschwert wie sonst treffen kann oder weil Hygieneregeln in Kindertagesstätten, Schulen und im Freizeitbereich, zeitweise sogar die Schließung der gewohnten Einrichtungen, ihren Alltag verändern. Dazu kommt die ständige Corona-Präsenz in sämtlichen Medien, die Unsicherheit, was als nächstes geschieht und wann das alles mal wieder aufhört.

Studien erforschen die Gemütslage von Kindern und Jugendlichen

Wie sich diese Situation auf die Psyche und das Lebensgefühl von Kindern und Jugendlichen auswirkt, ist inzwischen Gegenstand diverser wissenschaftlicher Untersuchungen. Die COPSY-Studie (Corona und Psyche) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf kommt zu dem Ergebnis, dass sich die psychische Gesundheit von Kindern während der Corona-Pandemie verschlechtert habe. Befragt wurden nach der ersten Welle im Frühjahr 2020 über 1000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren. 71 Prozent von ihnen fühlen sich durch die Pandemie belastet, zwei Drittel davon geben eine verminderte Lebensqualität und ein geringeres psychisches Wohlbefinden an. Eine repräsentative Umfrage für die Studie Junge Deutsche 2021 des Jugendforschers Simon Schnetzer wiederum fand heraus, dass die Mehrheit der jungen Generation mit Homeschooling und Homeoffice gut zurechtkomme. Fast ein Drittel der 1602 befragten Menschen zwischen 14 und 39 Jahren blicke aber auch mit Sorge in die Zukunft.

Erstaunliche Antworten brachte eine qualitative Studie der Hochschule Magdeburg-Stendal in zehn Sachsen-Anhaltischen Kindertagesstätten hervor. Schon die Jüngsten zeigen ein sehr breites Verständnis von Corona und den damit verbundenen Hygiene- und Abstandsregeln. Fünf- und Sechsjährige schilderten z.B. Corona als „unsichtbares Wesen“, fanden häufiges Händewaschen gut, „weil, wenn wir dann immer alles anfassen, da können ja auch Bakterien dran sein“ oder äußerten sich ganz pragmatisch: „Nicht schön, Corona kann man zwar nicht nutzen, aber Corona kann man einfach nicht ändern.“ Mädchen und Jungen, die während des Lockdowns im Frühjahr 2020 zu Hause betreut wurden, erzählten davon, dass sie viel Zeit mit ihrer Familie hatten, häufig draußen waren, oft gebastelt haben und ihren Geschwistern nähergekommen sind. Die kleinen Menschen vermissten zwar ihre Spielgefährt*innen, fanden aber zugleich das Positive - und damit den Schlüssel, um ihre veränderte Lebenssituation zu meistern.

Medienkonsum des Nachwuchses im Auge behalten

„Die Pandemie ist eine seelische Belastung. Aber wie wollen wir damit umgehen?“, fragt in diesem Sinne Dr. Ute Ebersbach, Chefärztin der Klinik II für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychosomatik und Psychotherapie bei Salus in Uchtspringe. Lassen wir uns in den Strudel von Negativinformationen hineinziehen und sehen nur noch schwarz? Oder prüfen wir die Realität in unserem Lebensumfeld, unser persönliches Risiko und unsere Möglichkeiten? Die Kinder- und Jugendpsychiaterin empfiehlt, sich an lokalen Medien zu orientieren und darauf zu achten, woher Kinder und Jugendliche ihre Informationen beziehen. „Unbesprochener Medienkonsum ist schädigend“, berichtet sie und rät, dass sich Eltern mit ihren Kindern das Gleiche ansehen oder anhören und anschließend darüber ins Gespräch kommen. Sehr kleine Kinder sollten keinen freien Zugang zu Fernsehen, Radio oder Internet haben. Hier sind Bücher die erste Wahl. Mit Mama und Papa kuscheln, gemeinsam eine Geschichte entdecken, altersgerecht darüber reden, all das gibt dem Nachwuchs Sicherheit. In den vergangenen Monaten ist viel spezieller Lesestoff für Kita- und Schulkinder entstanden, darunter Titel wie „Corona und der Elefantenabstand“, „Conni macht Mut in Zeiten von Corona“ oder „Ein Corona-Regenbogen für Anna und Moritz“. Axel Scheffler, der Zeichner des beliebten „Grüffelo“, hat das Kinderbuch „Coronavirus“ illustriert, das der Verlag Belz & Gelberg auf seiner Website sogar kostenlos zum Download anbietet.

Sensibler Ansprechpartner sein und gemeinsam etwas unternehmen

„Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche immer Ansprechpartner für ihre Sorgen und Ängste haben. Das sind in der Regel zuerst die Eltern“, so Dr. Ebersbach.  Sie sollten ihre Kinder gut beobachten und auf ungewöhnliches Verhalten sensibel reagieren. Ängstlichkeit, Aufregung, anhaltende Unruhe, Konzentrations-, Schlafstörungen, Trauer, Reizbarkeit und Aggressivität, aber auch körperliche Symptome wie häufige Kopf- oder Bauchschmerzen und Übelkeit können auf seelische Belastungen hindeuten. „Fragen Sie ihre Kinder, was bei ihnen gerade los ist. Womit beschäftigst du dich? Was ängstigt dich?“, rät die Fachärztin. Wir alle müssten dazu beitragen, dass die Angst nicht überhandnimmt. Dazu gehöre es, kindgerecht, ruhig und in sachlichem Ton aufzuklären und deutlich zu machen, dass wir uns mit praktischen Maßnahmen schützen können und dass es gut ist, sich zu schützen.

Gemeinsame Aktivitäten wirken oft noch besser als Worte. Wenn der Besuch von Oma und Opa ausfallen muss, um sie zu schützen, können Eltern und Kinder gemeinsam etwas für sie backen und basteln, ein Päckchen für sie packen und sich zu einer Videokonferenz am Computer verabreden. So kann über die räumliche Entfernung hinweg trotzdem Nähe entstehen. Wenn Freizeitangebote pausieren müssen und die Kontakte nach außen reduziert sind, gewinnen Familien mehr gemeinsame Zeit. Sie können Dinge wiederentdecken, die im Alltag möglicherweise verlorengegangen sind: zum Beispiel alte Spiele und Hobbies, die man früher einmal mochte oder gemeinsame Ausflüge mit dem Fahrrad in die Natur hinaus.  „Es geht um eine Umbewertung“, sagt Dr. Ute Ebersbach. „Es ist nicht so, wie es sonst immer war? Wie können wir trotzdem ein Erlebnis daraus machen?“

 


zu den Studien: 

UKE - Child Public Health - COPSY-Studie

Junge Deutsche 2021 - Junge Deutsche

„Corona - das unsichtbare Wesen.“ Erste Ergebnisse aus der Studie „Wie Kinder Corona sehen und damit umgehen“. Ruben Wendrock, Kompetenzzentrum Frühe Bildung Hochschule Magdeburg-Stendal: https://www.youtube.com/watch?v=gI7oA8nlNO8 

Corona für Kinder erklärt: 

Kinderbücher über Corona für jedes Alter | familie.de

Coronavirus - Ein Buch für Kinder über Covid-19 - Axel Scheffler, Elizabeth Jenner, Kate Wilson, Nia Roberts  | BELTZ

Filme für Kinder - infektionsschutz.de