Mit Ängsten achtsam umgehen

von Nicole Recknagel

2. März 2022. Der Krieg in der Ukraine bringt Verunsicherungen und Ängste mit sich. Wie entsteht Angst? Wie können wir mit dieser Verunsicherung umgehen? Was tun, wenn die Angst beherrschend wird? Darüber haben wir mit Dr. Jewgenij Wolfowski, Chefarzt der Uchtspringer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, gesprochen. 

„Prinzipiell ist das Gefühl der Angst überlebensnotwendig: Es signalisiert uns Gefahren, warnt  und versetzt uns dadurch in die Lage, sinnvoll zu reagieren,“ erklärt Dr. Wolfowski. Das betreffe zum einen die sofortige Reaktion auf akute Bedrohungen, wie zum Beispiel das reflexartige Ausweichen bei einem umstürzenden Baum. Zum anderen sei das Angstempfinden auch ein wichtiger Navigator, um bei real bestehenden Risiken vorsichtig zu sein und abzuwägen.

Wenn wir nicht direkt bedroht sind, könne unser Körper keine konkrete Handlung ableiten und bleibe häufig sogar in Alarmbereitschaft. Um aus dieser herauszukommen, hat der Psychiater drei Tipps: 

  • "In dieser besonderen Situtation, in der wir uns aktuell befinden, haben viele Menschen Angst. Sprechen Sie darüber. Das können Sie mit Freunden oder Familienmitgliedern machen oder zum Beispiel mit Ihrem Hausarzt. Darüber hinaus gibt es eine Telefonseesorge oder die Nummer gegen Kummer, an die Sie sich wenden können.
  • Darüber hinaus ist es aus meiner Sicht generell ein guter Weg bei angstvollen Empfindungen, Gefahren auf ihre Wahrscheinlichkeit zu überprüfen. Eine klare Analyse ist besser als das ständige Grübeln darüber, was im Hier und Jetzt alles passieren könnte.
  • Versuchen können Sie auch eine Achtsamkeitsübung. Nehmen Sie Ihre Umgebung bewusst wahr. Was geschieht um Sie herum? Was sehen Sie? Was hören oder riechen Sie? Konzentrieren Sie sich ein paar Minuten darauf. 
  • Zusätzlich kann uns zum Beispiel unsere Atmung helfen. Besonders effektiv ist es, wenn wir dabei länger aus- als einatmen und uns darauf fokussieren."

Mit Ängsten umzugehen, sei sehr individuell. Zur umfassenden Medienberichterstattung, die derzeit auf uns wirkt, rät er: "Ob dafür die maximale Auseinandersetzung mit den Ereignissen hilfreich ist oder stattdessen der bewusste oder auch teilweise Rückzug von der medialen Bilderflut, kann individuell unterschiedlich sein. Da hat jeder ein anderes Empfinden und andere Bedürfnisse. Wichtig ist es, darauf zu achten, was einem gut tut und was nicht. Ich empfehle aber den Start und den Abschluss eines Tages möglichst frei von Nachrichten zu gestalten."

Selbstwirksamkeit sei in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Ängste können dazu führen, dass wir uns geradezu ohnmächtig und hilflos fühlen. In solchen Zeiten sei es umso wichtiger, sich seiner Selbstwirksamkeit bewusst zu sein bzw. diese wieder zu erlangen. "Beleuchten Sie die Gedanken, die Ihnen Sorge bereiten. Können Sie diese beeinflussen? Können Sie etwas daran ändern? Vielleicht können Sie mehr beeinflussen, als Sie denken. In der aktuellen Situation können Sie beispielsweise Geld oder auch Lebensmittel, Schlafsäcke oder Bettwäsche spenden. Sie können über die Situation sprechen, zuhören und für andere da sein. Werden sie wirksam. Das wird den Schutzsuchenden und auch Ihnen gut tun und ihnen zeigen, dass Sie etwas tun können. Machen Sie darüber hinaus Dinge, die Ihnen gut tun und Ihnen gerade Stabilität in Ihrem Alltag geben."

Besondere Wachsamkeit ist nach Einschätzung von Dr. Wolfowski geboten, wenn die  Angst sich verselbständigt und unangemessen so in den Vordergrund drängt, dass die Lebensqualität über einen längeren Zeitraum in vielen Bereichen stark bedroht ist. „Dann kann eine Angststörung vorliegen. Die Betroffenen ziehen sich beispielsweise aus dem Alltag, aus bestimmten Situationen oder von bestimmten Orten völlig zurück“, verweist der Facharzt auf typische Verhaltensmuster. Viele Patient*innen leiden zugleich unter schlechtem Schlaf sowie unter körperlichen Beschwerden wie Herzrasen, Kopfschmerzen oder Schweißausbrüchen. „Wenn die Dauer und Häufigkeit von Angstzuständen zunehmen, man sie aus eigener Kraft kaum überwinden kann und die Lebensumstände eigentlich gar keinen Anlass dafür bieten, sollte man Hilfe suchen“, so Dr. Wolfowski. Erste Ansprechperson seien in solchen Fällen stets ambulant behandelnde Haus- oder Fachärzt*innen, die über therapeutische Möglichkeiten beraten können. Die Erfahrung zeige, dass in vielen Fällen vor allem eine Verhaltenstherapie hilfreich sei, bei der die Bewältigung Angst auslösender Situationen gezielt trainiert wird. Betroffene Menschen in der Altmark können dabei u.a. auf die Angebote im Salus-Fachklinikum Uchtspringe sowie in den dazugehörigen Institutsambulanzen und Tageskliniken Salzwedel, Seehausen und Stendal zurückgreifen.

 

Telefonseelsorge: 

0800111011108001110222 oder 116 123

im Chat unter https://www.telefonseelsorge.de/

Nummer gegen Kummer: 

116 111 

Onlineberatung: nummergegenkummer.de/onlineberatung.

 

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