Vom Totenpfahl zum Landasyl – eine Zeitreise durch die Geschichte der Psychiatrie

Psychische Störungen hat es schon immer gegeben, doch wurden sie über Jahrtausende hinweg nur zu selten als Krankheiten erkannt und behandelt. Der Glaube an böse Geister, Dämonen und Teufel war in vielen Kulturen lange Zeit einfach zu übermächtig. Selbst heute, in einer Zeit voller Technik und Wissenschaft, ist die Vorstellung von der Besessenheit kranker Menschen aus manchen Köpfen nicht ganz verschwunden, noch immer werden Teufelsaustreibungen praktiziert und Exorzisten ausgebildet – trotz der Erkenntnisse der modernen Psychiatrie aus Forschung und Entwicklung.

„Vom Totempfahl zum Landasyl“ zeigt anhand von Beispielen den langen schwierigen Weg von den Beschwörungsritualen über die Seelenkunde zur Psychiatrie als wissenschaftliche Disziplin. Erzählt von den Schamanen alter Völker und über den Tempelschlaf der Antike. Beschreibt die religiöse Verankerung von Behandlungsmethoden im Mittelalter und die Versorgung psychisch Kranker in der Neuzeit – vom „antiken Sanatorium“ über „Blödenanstalten“ bis zum „Landasyl“. Und spricht nicht zuletzt über die Opfer der „Euthanasie“, denen man in der NS-Zeit das Recht auf Leben absprach, und über die Konsequenzen, die aus dieser menschenverachtenden Politik gezogen wurden.

Von verirrten Seelen und entführtem Verstand – Psychische Störungen in schriftlosen Kulturen

Psychische Erkrankungen gibt es seit Menschengedenken, doch wurden sie früher in vielen Kulturen nicht als Krankheit diagnostiziert, sondern auf Dämonen und böse Geister zurückgeführt, die von der Seele Besitz nahmen, sie in die Irre leiteten oder sie gar entführten. Um den „Besessenen“ zu befreien, führten Magier, Zauberer oder Schamanen spirituelle Rituale und Beschwörungen durch, in denen sie sich und den Kranken mit Gesängen und Musik in Trance versetzten. Nicht selten wurden hierfür auch Drogen verwendet.

Zwar gibt es vor allem bei den Urvölkern so gut wie keine schriftlichen Überlieferungen über diese Heilungszeremonien, doch liefern Felsen- und Wandmalereien ebenso wie die von Generation zu Generation weitergebenen Erzählungen, Tänze und Lieder Aufschluss über den traditionellen Umgang mit psychischen Erkrankungen. Auch heute noch werden in vielen Kulturkreisen solche oder ähnliche kultische Handlungen durchgeführt.

Den meisten sind sie zwar als Totempfahl geläufig, doch tatsächlich heißen die bis zu 20 m hohen Statuen der nordamerikanischen Ureinwohner Wappenpfahl. Die aus Riesenlebensbäumen geschnitzten Pfähle stehen durch ihre unterschiedlichen Symbole für die Individualität eines jeden Stammes und sollen an besondere Ereignisse erinnern...

... Viele der kunstvollen Schnitzereien sind Tieren oder Pflanzen nachempfunden, denen sich ein Stamm zugehörig fühlte. Abbildungen solcher Stammeswesen werden als Totem bezeichnet, was so viel wie Verwandtschaft oder Schutzgeist bedeutet. Von einem Totem erfoffte man sich bei rituellen Beschwörungen Schutz vor Krankheiten und Hilfe auf der Jagd. Hier spielten auch Schamanen eine große Rolle.

Diese Tracht aus dem 18. Jahrhundert wurde zu rituellen Anlässen getragen. Die zahlreichen Verzierungen wie Metallscheiben, Puppen oder Tierabbildungen haben kultische Bedeutungen – von der Verkörperung der Hilfsgeister über Schutz vor bösen Dämonen bis hin zum Zufluchtsort für entführte oder verirrte Seelen...

Die langen Lederfransen des Gewands verleihen dem Schamanen ein vogelähnliches Aussehen, wodurch ihm in Trance der Seelenflug vom Diesseits in die jenseitige Welt der Götter und Geister erleichtert werden soll.

Schamanen wehren böse Geister ab, begleiten verstorbene Seelen ins Totenreich, erhalten Geschichte und Traditionen ihres Clans, sehen in die Vergangenheit und blicken in die Zukunft, aber vor allem heilen sie die Kranken. In der Vorstellung vieler Urvölker existiert neben der realen Welt noch eine Welt im Jenseits voller Geister und Dämonen, die unter anderem als Verursacher von Krankheiten angesehen werden.

Diese bei Heilungsritualen verwendete Maske aus dem Inselstaat Sri Lanka symbolisiert einen Schlangendämon, der mit dem Gift der Königskobra unerträgliche Kopfschmerzen auslösen und so Menschen bis in den Wahnsinn treiben kann. Durch das Tragen dieser Maske verschmilzt der Schamane mit den Kräften und Eigenschaften des Dämons, der nun für die anwesenden Zuschauer und dem Erkrankten zur realen, aber vom Schamanen beherrschten Figur wird.

In vielen Kulturen gelten Trommeln als Herzschlag der Natur und sind deshalb unverzichtbar bei spirituellen Ritualen. Durch stundenlanges Schlagen der Trommel führt man einen veränderten Bewusstseinszustand ähnlich einer Trance herbei. Aber nicht nur der Klang und das Schlagen von Trommeln spielen eine wichtige Rolle, sondern auch die Bemalung. Im Schamanismus werden häufig Hilfsgeister abgebildet, die bei Heilungsritualen unterstützend eingreifen sollen.

Heilschlaf als Seelenbehandlung – psychische Störungen im Altertum

Die Ägypter des Altertums und die Griechen der Antike hatten eines gemeinsam: Sie bemühten sich um medizinisches Wissen und eine fortschrittliche Behandlung. Zwar war im alten Ägypten die Medizin noch untrennbar mit Magie verbunden und auch in Griechenland gingen Gesundheit und Krankheit häufig nicht ohne religiöse Rituale einher – aber dennoch entwickelten sich in beiden Hochkulturen Theorien über Ursachen von Krankheiten und die Behandlungsformen wurden weiterentwickelt.

Schon vor 4.000 Jahren sprechen ägyptische „Papyri “ von diversen Erkrankungen einschließlich vieler psychischer Störungen, beschreiben Symptome, diagnostizieren und erläutern Behandlungen. Neben Massagen, Diäten und Heiltränken gehörten auch psychotherapeutische Maßnahmen zur Behandlung von psychisch Kranken. So sollte der Verstand durch Theater, Sport und Musik gefördert werden.

Viele Kranke versuchten im Tempelschlaf Heilung oder Linderung von ihren Beschwerden zu finden – offensichtlich mit großem Erfolg, denn diese einer Kur ähnliche Behandlung in den prachtvoll angelegten Heiligtümern des Asklepios gewann im alten Griechenland zunehmend an Bedeutung.

Die Seelenkunde wurde fast schon wissenschaftlich betrieben: Der große Aristoteles veröffentliche eine Abhandlung „Über die Seele“, die als erstes Werk der Psychologie gilt.

  • Imhotep (2.700 v. Chr.) – Spirituelle Hypnotherapie: Der Tempelschlaf

    Imhotep

    Obwohl irdischer Abstammung wurde Imhotep, was so viel wie „Der in Frieden kommt“ bedeutet, im alten Ägypten als gottähnliche Figur verehrt. Er gilt als einer der ersten namentlich genannten Universalgelehrten und wirkte vor etwa 4.600 Jahren als Schriftgelehrter, Priester, Architekt, Erfinder, Astrologe und Arzt. So geht auf Imhotep der Bau der monumentalen Stufenpyramide in Sakkara zurück. Außerdem zählt er als Begründer der ägyptischen Medizin, woraus sich unter anderem später die kultische Verehrung seiner Person entwickelte, die im „Neuen Reich“ Ägyptens etwa 300 v. Chr. ihre Blütezeit erlebte. Ihm zu Ehren wurden Tempel errichtet, in deren inneren Bezirken der Tempelschlaf praktiziert wurde. Patienten mit körperlichen oder geistigen Erkrankungen verbrachten nach ritueller Reinigung eine Nacht im Tempel und hofften, dass ihnen ein Gott oder ein göttlicher Abgesandter im Traum erschien und sie von ihrer Krankheit heilte. Vor allem Schlangen waren ein wichtiges Symbol in diesen Heilungsprozessen, weil sie durch ihre regelmäßigen Häutungen als Sinnbild der Verjüngung angesehen wurden.

  • Papyrus Ebers – Symptome, Diagnose und Behandlung im Alten Ägypten

    Papyrus Ebers

    Über die ursprünglichen Länge des Papyrus Ebers wird ebenso wie über seine Herkunft gestritten – unbestritten ist aber, dass es sich bei dieser ägyptischen Schriftrolle mit fast 4.000 Jahren um einen der ältesten medizinischen Texte handelt. Dieses Werk der Heilkunst, das der Ägyptologe Georg Ebers 1873 für eine Summe in Höhe von etwa 40 Monatsgehältern eines Professors erwarb, besteht aus Elementen der Magie, Religion und gesammelten Wissen der Heilkunde. Auf der 20m langen Schriftrolle sind Beschreibungen verschiedener Krankheitsbilder sowie Anweisungen und Rezepturen für deren Behandlung zu finden. Auch psychische Störungen werden genannt, wie z. B. in einem ganzen Abschnitt über die "dämonische aaa-Krankheit" oder in dem Kapitel "Heilmittel für die Krankheiten des Kopfes."

  • Asklepios (12.-11. Jh. v. Chr.): Heilender Schlaf für die Seele

    Asklepios

    Asklepios war der Legende nach ein Arzt von fürstlicher Abstammung und lebte etwa im 12. – 11. Jahrhundert v. Chr. im griechischen Thessalien. Ihm wurden hervorragende Kenntnisse in der Chirurgie und Kräuterkunde nachgesagt. Der Überlieferung zufolge soll er sogar Tote mit dem Blut der Medusa, das ihm die Göttin Athene überbrachte, wieder zum Leben erweckt haben – was ihm aber damit laut griechischer Mythologie den Zorn des Totengottes Hades eingebracht und seinen eigenen Untergang besiegelt haben soll. Nach seinem Tod wurde Asklepios als Gott der Heilkunst verehrt. Aus seinen vielen Heilungswundern, die auf Tafeln im ältesten Asklepios-Heiligtum in Epidauros dokumentiert sind, entstand vor etwa 2.600 Jahren der Asklepios-Kult. Überall im damaligen Griechenland entstanden in der Nähe von Heilquellen die sogenannten „Asklepieien“, in denen sich physisch und psychisch Kranke Genesung von ihrem Leiden erhofften. Die Kranken wurden nach bestimmten Reinigungs- und Fastenritualen von heilkundigen Priestern in den tranceähnlichen Zustand, den Tempelschlaf, versetzt, in dem ihnen die Begegnung mit Asklepios oder einem seiner Abgesandten, die Ratschläge für die Behandlung erteilten, suggeriert wurden. Die Bedeutung Asklepios‘ für die Medizin findet sich übrigens auch noch in unserer Zeit wieder: Sein von Schlangen umwundener Stab, mit dem er im Schlaf den Patienten erschien – der „Äskulapstab“ ist heute noch das Symbol der Ärzte und Apotheker.

  • Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) – Das Bewegte ist der Leib, das bewegende die Seele

    Aristoteles

    Noch heute – knapp 2.400 Jahre nach seinem Wirken – zählt Aristoteles zu den berühmtesten und einflussreichsten Philosophen der Geschichte. Auf ihn, den Schüler Platons und dem Lehrmeister Alexander des Großen, gehen zahlreiche wissenschaftliche Fachrichtungen zurück oder wurden von seinen Thesen maßgeblich beeinflusst. Seine Arbeiten über die Musik, das Theater und die Politik waren ebenso wegweisend wie die in der Logik, Biologie, Zoologie und Psychologie. So beschrieb Aristoteles in seiner Schrift „Peri psyches – über die Seele“ die menschliche Wahrnehmung als eine Funktion der Seele und differenzierte diese in die fünf Sinne: Tasten, Schmecken, Riechen, Hören und Sehen. Zwar sprach Aristoteles das Wahrnehmungsvermögen an sich allen Lebewesen zu, doch war das Denken – die Vernunft seiner Überzeugung nach eine Fähigkeit, die allein der Mensch besitzt. Die zahlreichen, von Aristoteles verfassten Abhandlungen über psychische Störungen thematisieren häufig das Bewusstsein des Menschen; er selbst glaubte, dass ein zielgerichtetes Denken Schmerzen verschwinden und das Gefühl der Freude aufkommen lassen könnte. Viel diskutiert war auch die Überlegung, inwieweit psychische Erkrankungen durch Konflikte oder Frustrationen ausgelöst werden könnten. Diese Theorie verwarf Aristoteles jedoch und schloss sich der Hippokratischen These an, dass Störungen der Psyche durch die Galle verursacht werden. Eine „sehr heiße“ Galle konnte seiner Annahme nach eine gesteigerte Libido, aber auch Redegewandtheit oder suizidale Gedanken bedeuten.

Hilfe und Sanftmut statt Geister und Dämonen – die Behandlung psychisch Erkrankter im islamischen Mittelalter

Natürlich herrschte während des Mittelalters auch im Islam vereinzelt der Aberglaube, psychische Erkrankungen seien das Werk böser Dschinns. Doch der überwiegende Teil der muslimischen Bevölkerung sah – ganz im Gegensatz zum Christentum und dem jüdischen Glauben – als Ursache für Krankheiten des Geistes Störungen im Gehirn an.

Verbrieft im Koran als Pflicht jedes Gläubigen war der fürsorgliche Umgang mit Kranken selbstverständlich. Überall im Orient baute man Bimaristans – Krankenhäuser, die zu den fortschrittlichsten jener Zeit zählten. Jeder wurde hier unabhängig von Glauben und Herkunft kostenlos behandelt. Psychisch kranke Menschen, denen gut ausgebildetes Pflegepersonal mit Sanftmut und Geduld begegnete, erhielten von medizinischen Bädern bis beruhigender Musik während der Nacht eine Vielzahl von Therapien.

Islamische Ärzte prägten das Wissen um Krankheiten und deren Heilungsmethoden weit über die Grenzen des Morgenlandes hinaus. So galt der „Kanon der Medizin“ von Avicenna noch weit bis ins 17.Jahrhundert als eines der führenden Werke der Heilkunde.

  • Harun Al Rashid (763 – 809 v. Chr.) – Der Kalif der Kranken

    Harun Al Rashid

    Die Geschichte vom Kalifen Harun al-Raschid und dem Kaufmann Abu Hasan aus „Tausendundeine Nacht“, einem der Klassiker der Weltliteratur – wer kennt sie nicht? Dabei handelt es sich bei Harun al-Raschid nicht um eine fiktive Märchenfigur, sondern um eine Persönlichkeit, die tatsächlich gelebt hat und in ihrem Wirken und Handeln nicht ganz unumstritten ist.

    Bei uns „Abendländlern“ oft als der weise und wohltätige Herrscher glorifiziert, wird er im „Morgenland“ aufgrund seiner despotischen Herrschaft, seiner Brutalität und seinem nicht immer wahrhaft muslimischen Lebenswandels häufig sehr kritisch betrachtet. Dennoch blühte die Stadt Bagdad unter Harun al-Raschid zu einer einzigartigen Metropole auf – was für uns heute New York, Paris, London und Berlin, das war Bagdad vor mehr als einem Jahrtausend: Ein Zentrum der Bildung, der Künste, des Handels und der Wissenschaft. Neben zahlreichen Bibliotheken, Lehreinrichtungen und Badeanstalten verdankt Bagdad dem Kalifen Harun al-Raschid Ende des 8. Jahrhunderts eines der ersten islamischen Krankenhäuser überhaupt, in dem Menschen mit psychischen Erkrankungen genauso wie die mit körperlichen Gebrechen behandelt wurden. Damals wie heute ist die Fürsorge von Armen und Kranken ein Grundpfeiler des Islams und die Pflicht eines jeden Muslims.

  • Avicenna (980 – 1037 v. Chr.) – In der Medizin sollen wir die Ursachen der Krankheit und der Gesundheit kennen

    Avicenna

    Der bei Buchara im heutigen Usbekistan geborene Abu Ali al-Husayn ibn Abdullah ibn Sina ist bei uns unter dem Namen Avicenna bekannt. Er zählte zu den berühmtesten Persönlichkeiten seiner Zeit und war nicht nur als Physiker, Philosoph, Mathematiker, Astronom und Jurist weit über die Landesgrenzen bekannt, sondern vor allem als Arzt. Bereits im Alter von 17 Jahren begann er Medizin zu studieren und veröffentlichte im Laufe seines Lebens knapp 450 Schriften, die fast alle ausnahmslos ins Lateinische übersetzt wurden und ab dem 13. Jahrhundert zur Pflichtlektüre der medizinischen Fakultäten in Europa gehörten.

    Das bekannteste Werk von Avicenna ist „Qanun al-Tibb – Der Kanon der Medizin“, der bis weit ins 17. Jahrhundert hinein als eines der Meisterwerke der Medizin und über 600 Jahre lang als Grundlagenwerk der wissenschaftlichen Heilkunde galt. In fünf Büchern, die das damalige Wissen der griechischen, römischen und persischen Gesundheitslehre vereinen, befasst sich Avicenna mit der Theorie der Medizin, erklärt Arzneien in Wirkungsweise und Herstellung, erläutert Befunde und Therapien ebenso detailliert wie Allgemeinkrankheiten und die Möglichkeiten der Chirurgie. Avicenna erkannte unter anderem, dass eine enge Beziehung zwischen dem körperlichen Befinden und dem Gefühlszustand eines Menschen besteht. So ging er insbesondere auch auf eine Vielzahl von psychischen Störungen wie Depressionen, Schizophrenie, Demenz und Halluzinationen ein.

Die Al-Mansuri-Bimaristan in Kairo

Mit 8.000 Betten war das im Jahr 1248 unter Sultan Al-Mansur errichtete Bimaristan in Kairo das größte seiner Zeit. Jeder wurde solange wie notwendig von ausgebildeten Ärzten kostenlos behandelt und erhielt zudem auch eine Entschädigung für den krankheitsbedingten Ausfall seines Arbeitslohnes. Für psychisch kranke Menschen gab es ein breites Spektrum an Therapien. Neben gesunder Kost, Waschungen und Bädern war die Musiktherapie fester Bestandteil der medizinischen Anwendungen.

Die Standortwahl für den Bau eines Bimaristan unterlag einer strengen Prüfung. Es musste ausreichend frisches fließendes Wasser zur Verfügung stehen, ebenso wurde auf saubere, unbelastete Luft geachtet. Nahezu jedes Bimaristan verfügte über eine Apotheke, in der die Arzneien für die Patienten hergestellt wurden. Ebenso über eine eigene medizinische Fakultät, in der Ärzte aus- und weitergebildet wurden, eine hervorragend ausgestattete Bibliothek und natürlich eine Moschee.

Teufelswerk und Dämonenbrut – das christliche Mittelalter

Beinahe 600 Jahre dauerte eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte – die Inquisition, der auch unzählige Menschen mit psychischen Störungen vom Mittelalter an bis in die frühe Neuzeit zum Opfer fielen.

Der humane Umgang mit psychisch Kranken, der in der Antike praktiziert und im islamischen Mittelalter aufgenommen wurde, verlor sich im Glauben an eine gestörte Beziehung zu Gott oder an böse Werke des Satans.

Krankheitssymptome wie die der Schizophrenie oder Epilepsie wurden als Besessenheit durch Teufel oder Dämonen interpretiert, die man nur mit Exorzismus vertreiben könne. Die Behandlung durch Ärzte wurde durch die Teufelsaustreibungsrituale der Exorzisten ersetzt, die sich einzig und allein an die ausführlichen liturgischen Anleitungen der Kirche hielten – wie unter anderem im „Rituale Romanum“ beschrieben, das auch heute noch in der katholischen Kirche Gültigkeit hat.

Bereits in der Bibel wird von Exorzismus und von zahlreichen Heilungen Besessener durch Jesus berichtet. So erteilt Jesus im Markus-Evangelium den zwölf Aposteln die Vollmacht „Dämonen auszutreiben.“
Markus 3,13 – 3,15: Und er steigt auf den Berg und ruft zu sich, die er wollte. Und sie kamen zu ihm; und er bestellte zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende, zu predigen und Vollmacht zu haben, die Dämonen auszutreiben.

Das „Rituale Romanum“ enthält neben Anweisungen der katholischen Kirche zu lithurgischen Handlungen wie Taufe, Eheschließung und Krankensalbung auch die Vorgehensweise beim Exorzismus. Die erste Ausgabe erschien 1614 unter Papst Paul V und hat – mehrfach überarbeitet – nachwievor Gültigkeit. So werden, trotz Bestrebungen seitens des Vatikans, die Besessenheit durch Dämonen von psychischen Störungen abzugrenzen, heute noch unzählige Exorzismen durchgeführt.

Psychiatrie wird menschlich(er) – die ersten Schritte zu Reformen in der Psychiatrie

Inquisition und Hexenverfolgung hatten im 18. Jahrhundert ihre „Höhepunkte“ überschritten – die Qualen der psychisch Kranken hatten dagegen noch lange kein Ende. Es drohten ihnen weiterhin Tollhaus und Narrenturm. Ausgemustert als „Störfälle der Natur“, weggesperrt mit Verbrechern, Bettlern und Prostituierten: In Kerkern ohne Tageslicht und Frischluft siechten sie an Ketten gefesselt vor sich hin – ohne Aussicht auf Entrinnen. Oft war der einzige Kontakt zur Außenwelt die Essensklappe, die sich – wenn überhaupt –nur einmal täglich öffnete.

Die damalige „Behandlung“ psychischer Erkrankungen ist heute nur als reine Folter zu bezeichnen. Heilung durch Schmerz war die weitverbreitete Ansicht, dazu gehörten Auspeitschen, Zwangsstehen, stundenlanges Baden in eiskaltem Wasser und viele andere Torturen.

Erst im Zuge der Aufklärung begannen sich Verständnis und Einstellung zu psychischen Störungen zu verändern. Beeinfl usst von einem humanen Menschenbild, wie es der Franzose Pinel oder der Engländer Tuke verbreiteten, entwickelten sich Ende des 18. Jahrhunderts neue, menschenwürdigere Konzepte zur Versorgung psychisch Kranker.

  • William Tuke (1732 – 1822) – Mehr Mut zur Menschlichkeit

    William Tuke

    Obwohl er keinerlei medizinische Ausbildung hatte, sondern eigentlich Geschäftsmann war, sollte William Tuke einer der ersten Menschen im 18. Jahrhundert sein, der sich für eine dringend notwendige Reform der damaligen Psychiatrie einsetzte. Der im englischen York geborene Sohn einer angesehenen Quäkerfamilie gründete 1794 aus eigener Initiative mit Spenden eine private Pflegeeinrichtung für psychisch kranke Menschen, nachdem er von dem Tod einer Glaubensgenossin im „York Asylum“ erfahren hatte. Tuke wohnte einer Untersuchungskommission
    bei, die diesen Todesfall untersuchte, und war entsetzt von den unmenschlichen Bedingungen,
    unter denen die Kranken im „York Asylum“ leben mussten. Die Verbesserung der Lebensumstände von psychisch Kranken wurde ab diesem Zeitpunkt zu Tukes Lebensaufgabe. In seiner Einrichtung „The Retreat“ (Der Rückzug) wurden Patienten nicht mehr wie sonst üblich in Ketten gehalten. Auf Gewalt, die in dieser Zeit eigentlich zur Tagesordnung der „Behandlung“ gehörte, wurde weitestgehend verzichtet. Stattdessen führte Tuke eine tägliche Visite ein und förderte therapeutische Maßnahmen, in denen sich die Kranken mit Landwirtschaft und Handwerk beschäftigten. In „The Retreat“ gab es erstmals keine Anstaltskleidung mehr, jeder hatte die Möglichkeit zu lesen und zu schreiben. Bis auf wenige Einschränkungen konnte man sich auf dem Gelände frei bewegen. Auch wenn viele Außenstehende Tukes Konzept zur Behandlung psychisch
    Kranker zunächst belächelten, so verbreitete sich seine Idee im Laufe der Jahre zunehmend und sorgte für weitere Neuerungen in der Psychiatrie.

  • Philippe Pinel (1745 – 1826) – Fürsorge und Heilung statt Strafe und Züchtigung

    Philippe Pinel

    Beeinflusst von der Menschenrechtsdiskussion während der französischen Revolution, legte der französische Arzt mit seinen Schriften über das „Regime Moral“ den Grundstein für die exakte Diagnostik von psychischen Krankheiten und reformierte deren Behandlung: Nämlich weg vom Wegsperren, Fesseln und Malträtieren – und hin zu einem humanen, von Milde, Zuwendung und Geduld geprägten Umgang mit psychisch Kranken. Nachdem er 1793 die Leitung des „Hospice de Bicêtre“ und ein Jahr später die des „Hôpital de la Salpêtrière“ übernahm, löste sich Pinel von den bisherigen, größtenteils unmenschlichen Behandlungsmethoden der Internierungsanstalten für „Verwirrte, Wahnsinnige und Kriminelle“ und setzte stattdessen auf eine enge ärztlich-pflegerische Betreuung. Er wollte Kranke wie Kranke behandeln und nicht wie Zuchthäusler. Zur Therapierung der Patienten waren seiner Meinung nach neben Freundlichkeit vor allem Hygiene, viel Licht und frische Luft notwendig. Mit seinen damals völlig neuen Ansätzen bewies Pinel, dass die Bedingungen der Unterbringung von psychisch Kranken einen enormen Einfluss auf deren Krankheitsbild und Verhalten haben. Durch seine Arbeit gelangte Pinel zudem zu der wichtigen Erkenntnis, dass psychische Krankheiten in der Regel nicht mit Beeinträchtigungen der intellektuellen oder kognitiven Fähigkeiten verbunden sind. Auch wenn unter Pinel der Einsatz der Zwangsjacke oder das eiskalte Duschen von Patienten nicht ganz verschwanden, so hat er dennoch einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der wissenschaftlichen Psychiatrie geleistet.

Auf dem Gemälde des französischen Malers Charles-Louis Müller aus der Mitte des 19. Jh. wird die Befreiung der Männer von ihren Ketten durch Philippe Pinel dargestellt. In der nahe bei Paris gelegenen Anstalt Bicêtre waren Vagabunden, Verbrecher, aber auch Homosexuelle und "Verrückte" inhaftiert. Sie wurden in Ketten gelegt und ausgespeitscht, um ihnen ihr "sündiges Verhalten" auszutreiben. Pinel übernahm 1792 die Leitung und erlöste ein Jahr später die Männer.

Zwei Jahre nach den Männern galten im revolutionären Frankreich dann auch die Menschenrechte für die Frauen. Als Gegenstück zum Gemälde von Charles-Louis Müller zeigt um 1878 der Maler Tony Robert Fleury die Befreiung der weiblichen „Verrückten“ durch Philippe Pinel um 1795 im übertriebenen Stil jener Zeit. Besonders durch diese Gemälde wurde Pinel zum Sinnbild für die Fortschrittlichkeit des französischen Gesellschaftssystems.

Das Buch „The Description of the Retreat“ verfasste Samuel Tuke zu Ehren seines Großvaters William Tuke, dem Gründer des „Retreat“ – einer zur damaligen Zeit völlig neuartigen Einrichtung für psychisch Kranke in England. Dort wurden Patienten nicht, wie sonst üblich, in Ketten gelegt und mit körperlichen Züchtigungen bestraft, sondern mit persönlicher Zuwendung und Wohlwollen behandelt. Sie sollten so Selbstdisziplin, Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung erlernen.

Im Jahr 1801 veröffentlichte Philippe Pinel das wohl bekannteste Werk der Neueren Geschichte über ein humanes Verständnis von „Geisteskrankheiten“. Pinel erkannte als Direktor in der Anstalt Bicêtre und dem Hôpital Salpêtrière den direkten Zusammenhang zwischen den Bedingungen der Unterbringung von psychisch Kranken und ihrem Verhalten. In der Abhandlung beschreibt er unter anderem seine eigenen Beobachtungen, die zur Grundlage für Therapieentwicklungen wurden.

Hier scheiden sich die Geister – die zweite Psychiatriereform

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verstärkten sich in Europa die Bestrebungen für eine verbesserte Unterbringung und Behandlung psychisch Kranker. Doch leider spaltete sich das Lager der Mediziner aufgrund unterschiedlicher Auffassungen, was für die Patienten am besten sei.

Während die einen, vor allem in Deutschland, die Unterbringung der Kranken fernab ihrer sozialen Heimat in „Landasylen“ propagierten, forderten andere wie der Reformer Wilhelm Griesinger zumindest die Versorgung akut psychisch Kranker in „Stadtasylen“, damit eine Behandlung in enger Zusammenarbeit mit den Universitätskliniken auf einer wissenschaftlichen Basis erfolgte.

Leider konnte sich dieses Konzept der gemeinde- und universitätsnahen Versorgung nur in der Schweiz durchsetzen, hier wurden bereits 17 % der Patienten in Universitätskliniken behandelt, an denen 23 % der Psychiater arbeiteten. In Deutschland wurden dagegen gerade einmal 3 % der Patienten in universitären Einrichtungen behandelt und nur 10% der Psychiater waren dort beschäftigt. Somit waren durch die Entwicklung in Deutschland 90% der Psychiater, die Forschung betrieben, Fachgesellschaften gegründet und Zeitschriften herausgegeben haben, vom Universitätsbetrieb weitgehend ausgeschlossen.

  • Christian F. W. Roller (1802 – 1878) – Kein Stand, kein Alter, kein Talent bleibt von diesem Leiden verschont

    Christian F. W. Roller

    Mit gerade einmal 19 Jahren ließ sich der in Pforzheim geborene Christian Roller nach erfolgreich abgeschlossenem Medizinstudium in seiner Heimatstadt als Arzt nieder. Vier Jahre später besuchte er im Auftrag seines Großherzogs in ganz Europa verschiedene „Einrichtungen für psychisch Kranke“, wie wir heute sagen würden. Die wurden zu jener Zeit noch als „Irrenhäuser“ bezeichnet und waren Verwahranstalten mit katastrophalen Lebensbedingungen. Roller war entsetzt von den Zuständen, wie er auf seinen Reisen vorfand und die auch noch Jahre später herrschten, als er die Leitung der Heidelberger „Irrenanstalt“ übernahm. Für ihn waren psychische Krankheiten weder eine Strafe Gottes noch Betroffene vom Teufel Besessene, an denen Exorzisten Austreibungsrituale vornehmen mussten. Seiner Überzeugung nach sollten psychisch kranke Menschen separiert werden – nicht um die Gesellschaft vor ihnen zu schützen, sondern weil er in der Isolierung von der gewohnten Umgebung bessere Heilungschancen vermutete. Aus diesem Konzept entstanden „Landasyle“ in ländlicher Abgeschiedenheit wie die Heil- und Pflegeanstalt Illenau, deren Leiter er war. Roller wich zu Lebzeiten nicht von der Idee der Isolierung psychisch Kranker ab und wehrte sich – unterstützt durch die staatliche Verwaltung am Hof des badischen Großherzogs – erfolgreich gegen Wilhelm Griesingers Reformbemühungen, die eine medizinische Versorgung in Gemeinde- und Universitätsnähe befürworteten.

  • Wilhelm Griesinger (1817 – 1868) – Psychische Krankheiten sind Erkrankungen des Gehirns

    Wilhelm Griesinger

    Wilhelm Griesinger gilt als einer der Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie. Die praktischen Erfahrungen seiner Arbeit und seine theoretischen Einsichten veröffentlichte Griesinger, der ab 1843 an der Universitätsklinik in Tübingen arbeitete, in seinem Hauptwerk „Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten.“ Griesingers Grundüberzeugung kommt hier zum Ausdruck, nämlich dass Geisteskrankheiten Krankheiten des Gehirns sind. Um Krankheitsbilder naturwissenschaftlich bestimmen zu können, forderte Griesinger die gezielte Informationserhebung von psychischen Störungen. Dabei erachtete er nicht nur die aktuelle Situation der psychisch Erkrankten als wichtig, sondern legte ebenso Wert auf ihre Vorgeschichte und biografische Entwicklung einschließlich der Familiengeschichte, wodurch erstmals das persönliche Erleben der Patienten in den Vordergrund trat. Griesingers Konzept der psychiatrischen Versorgung sah die Unterbringung von chronisch Kranken in sogenannten Landasylen vor. Akutkranke dagegen sollten für einen begrenzten Zeitraum in Stadtasylen versorgt werden, in denen eine Behandlung in enger Zusammenarbeit mit Universitätskliniken erfolgte. Die reale Entwicklung in Deutschland verlief jedoch nicht nach Griesingers Vorstellung – die meisten neugegründeten psychiatrischen Anstalten waren auf dem Land, oft weit von Universitätsstädten entfernt. Nur in der Schweiz wurde 1870 mit der Gründung der Psychiatrischen Universitätsklinik „Burghölzli“ durch die Stadt Zürich das Versorgungskonzept von Griesinger umgesetzt.

  • Johann Bernhard von Gudden (1824 – 1886) – Vom Direktor des Landasyls zum Universitätsprofessor

    Johann Bernhard von Gudden

    Johann Bernhard von Gudden sammelte in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau als Assistenzarzt erste Erfahrungen in der Psychiatrie. Geprägt von persönlichen Erlebnissen zu einer Zeit, in der psychisch kranke Menschen mehr als Gefangene denn als Kranke behandelt wurden, in der Gewalt und Zwang mit körperlichen und geistigen Züchtigungen den Alltag der Patienten bestimmten, forderte von Gudden einen humanen und respektvollen Umgang mit den Erkrankten. Er setzte sich Zeit seines Lebens für eine menschenwürdige Unterbringung der Patienten ein, frei von Zwangsmaßnahmen, dafür aber die Persönlichkeit der Kranken achtend. Seine Einstellung zur humanen Psychiatrie verhalf von Gudden zu einer beachtlichen Karriere. Nachdem er 1855 zum Leiter der „Königlich Bayerischen Kreisirrenanstalt“ in Werneck berufen wurden, wechselte er 1870 als erster Direktor zur Universitätsklinik Burghölzli in Zürich, an der er auch eine Professur in der Psychiatrie erhielt. Die damals noch als „Irrenanstalt“ bezeichnete Einrichtung Burghölzli folgte dem Konzept des deutschen Psychiaters Wilhelm Griesinger, der eine direkte Verknüpfung der Forschung mit der Unterbringung der Patienten in Nähe ihrer gewohnten Umgebung als unabdingbar in der psychiatrischen Versorgung und Behandlung sah. Während diese Reformen in Deutschland jedoch auf erheblichen Widerstand stießen, schlug man in der Schweiz genau diese Richtung ein – mit dem Burghölzli entstand eine der fortschrittlichsten Einrichtungen ihrer Zeit.

Mit der Heil- und Pflegeanstalt Illenau setzte Christian Friedrich Wilhelm Roller seine Vision einer modernen Anstalt für psychische Kranke nach dem Konzept der Landasyle um. Unter der Leitung von Roller wurde ein humaner, von familiäre Atmosphäre geprägter Umgang mit Patienten – frei von Körperzüchtigung und Zwangsmaßnahmen – gepflegt, der Maßstäbe in der Anstaltspsychiatrie setzte und die Illenau zu einer der besten Einrichtungen jener Zeit in Europa machte.

Die Psychiatrischen Universitätsklinik, auch "Burghölzli" genannt, wurde 1864 nach dem Konzept des modernen, humanen Menschbildes von Wilhelm Griesinger beauftragt. Ihr erster Direktor war Bernhard von Gudden. Unter Leitung von Auguste Forel wurde ab 1879 die Einführung von Arbeits- und Hypnosetherapie forciert sowie über die Folgen des Alkoholmissbrauchs massiv Aufklärung betrieben. 1883 wurde die erste offene Abteilung für psychisch kranke Frauen eingerichtet.

Aufgrund seiner Auffassung, dass Psychiatrie und Neurologie im direkten Zusammenhang stehen, sorgte der Reformer Griesinger für eine Umstrukturierung von Lehre, Forschung und Behandlung in der "Nervenklinik" der Berliner Charité. Durch die Integration der Neurologie in die Psychiatrie des Universitätsklinikums setzte er weltweit Maßstäbe. Auch hierdurch entwickelte sich die Charité vom "Stadtasyl" zu einer der führenden psychiatrischen Universitätskliniken in Europa.

Psychiatrie wird politisch – die dritte Psychiatriereform

Trotz aller Reformen der vergangenen 200 Jahre konnte auch im 20. Jahrhundert von einer Gleichstellung der psychisch und physisch Kranken lange nicht die Rede sein. Zumal die Psychiatrie in Deutschland während der Nazidiktatur mit den Euthanasiemorden einen furchtbaren Rückschlag erlitt. In ganz Deutschland verwahrte man psychisch Kranke noch bis in die 1970er Jahre unter unzumutbaren Zuständen in veralteten, überfüllten Kliniken. Es herrschte Pflegenotstand pur, auf einen Arzt kamen fast zehnmal so viele Patienten wie vorgegeben.

Nur aufgrund unermüdlicher Initiative einiger mutiger Vorstreiter in Ost und West, vor allem aus der jungen Garde der Psychiater, wurden die Reformbestrebungen in der Psychiatrie im damals noch geteilten Deutschland wieder aufgenommen: In der DDR 1963 mit der Verkündung der Rodewischer Thesen und in Bundesrepublik 1971 mit der Einrichtung einer Enquête-Kommission im Deutschen Bundestag. Beides führte zu neuen, wegweisenden Impulsen in der Psychiatrie. Für das 21. Jahrhundert ist zu hoffen, dass auch diese Reformen immer wieder reformiert werden. Zum Wohl der psychisch Kranken, ihrer Angehörigen und unserer Gesellschaft.

  • Klaus Weise (*1929) – Die Wende vor der Wende: Die Sozialpsychiatrie in der DDR

    Klaus Weise

    Das Dilemma psychisch Kranker war im Nachkriegsdeutschland fast überall das gleiche – unabhängig
    von Ost und West: Anstatt Therapie, Verwahrung in völlig überfüllten Anstalten, denen es an qualifiziertem Personal mangelte; ohne jede Beschäftigung, dafür mit strengen Restriktionen und zum Teil gewaltsamen Behandlungsmethoden.

    Während sich im Westen Deutschlands Heinz Häfner für die längst überfälligen Veränderungen in der Psychiatrie einsetzte, machte sich der 1929 in Freiburg geborene Klaus Weise im Osten für eine Reform stark. Beeinflusst durch innovative Therapieansätze aus den USA und Großbritannien sowie neuentwickelter Psychopharmaka forderte der spätere Direktor der „Psychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität Leipzig“ bereits 1967 in den mit Kollegen gemeinsam verfassten „Rodewischer Thesen“ die Öffnung geschlossener Anstalten und die Einrichtung geschützter Werkstätten.

    Weise gehörte in der damaligen DDR zu den Verfechtern einer sozialorientierten Psychiatrie, die psychisch kranke Menschen wieder in ihr Familien – und Berufsleben integrieren will und die sozialen Bezüge eines Patienten den medizinischen Aspekten als gleichwertig entgegenstellt. Die Stadt Leipzig ist Dank der Leistungen Weises, der 22 Jahre den Lehrstuhl für Psychiatrie an der dortigen Universität innehatte, auch heute noch eine der Hochburgen für Sozialpsychiatrie.

  • Heinz Häfner (*1926) – Ich bin PSychiater geworden, um wiedergutzumachen

    Heinz Häfner

    Dem 1926 in München geborenen Psychiater Heinz Häfner ist es zu verdanken, dass – nach fast einem Jahrhundert Stillstand – endlich Bewegung in die mehr als überfälligen Reformen der psychiatrischen Versorgung kam.

    In den blühenden Zeiten des Wirtschaftswunders erinnerte Häfner 1965 mit einer Denkschrift an Menschen, die am Rande der Gesellschaft bei allem Aufschwung in Vergessenheit geraten waren – an die psychisch Kranken, die in dieser boomenden Ära immer noch unter völlig desolaten und unmenschlichen Bedingungen leben mussten. Häfner setzte sich konsequent für Verbesserungen in der Psychiatrie ein und arbeitete deshalb ab 1975 an maßgeblicher Stelle in der Enquête-Kommission des Bundestages mit, die sich mit der Situation der Psychiatrie in Deutschland beschäftigte.

    Auf Häfners Initiative geht auch die Gründung des „Zentralinstituts für Seelische Gesundheit“ in Mannheim zurück, das er von 1975 bis 1994 leitete. Durch die enge Verknüpfung von Krankenversorgung und Forschung an diesem Institut, dessen Klinikdirektoren zugleich den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Heidelberg innehaben, wurde die 100 Jahre alte Vision Griesingers umgesetzt – nämlich eine verbesserte Versorgungsstruktur psychisch Kranker ohne Isolation der Patienten aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld. Häfner, der mehr als 600 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht hat und für seine Forschungen vielfach ausgezeichnet wurde, engagiert sich auch heute noch in verschiedenen Expertengremien um die Reformen in der Psychiatrie weiter voranzutreiben.

NS-Zwangssterilisation und Krankenmord – Euthanasie

In den Jahren 1933 bis 1945 wurden zehntausende psychisch kranke oder geistig behinderte Männer, Frauen und Kinder verstümmelt und ermordet. Für sie gab es keinen Platz in der so genannten deutschen Volksgemeinschaft. Ihre Versorgungs- und Unterstützungsbedürftigkeit hatte sie zu „Ballastexistenzen“ gemacht, die es zu beseitigen galt. Die nationalsozialistische Diktatur bot die Voraussetzungen für Legitimation und Organisation dessen, was Politiker und Ärzte schon lange gefordert hatten. Tradierte Vorurteile gegenüber Kranken und Behinderten wie auch die sozialen Verteilungskämpfe ließen den größten Teil der Bevölkerung dazu schweigen.