Psychogene Adipositas – Esssucht – Binge Eating

Die Bezeichnung Adipositas beschreibt einen Zustand: krankhaftes Übergewicht. Bei etwa 20 bis 30 Prozent der Betroffenen liegt dahinter eine seelisch bedingte Essstörung. Mediziner sprechen dann von einer psychogenen Adipositas oder Esssucht. Weit verbreitet ist das so genannte Binge Eating mit regelmäßigen Heißhungeranfällen („Binge“ englisch für Gelage, Prasserei). Die Umstände gleichen denen der Bulimie. Esssüchtige ergreifen jedoch keine Gegenmaßnahmen, weshalb Binge Eating häufig zu starkem Übergewicht führt. Diese Essstörung trifft vor allem Jugendliche und junge Erwachsene; etwa 40 Prozent von ihnen sind männlich.

Wichtigste Fragen zu Adipositas

  • Was sind die Anzeichen von psychogener Adipositas – Esssucht – Binge Eating?

    Äußeres Anzeichen von Adipositas ist eine enorme Körperfülle. Wenn Kinder und Jugendliche stark an Gewicht zulegen, sich nicht mehr gern mit anderen treffen, gemeinsame Mahlzeiten meiden, heimlich essen, Süßigkeiten horten und fast nur noch am Computer oder Fernseher sitzen, leiden sie möglicherweise an einer Essstörung. Sie denken ständig ans Essen und spüren nicht mehr, ob sie hungrig oder satt sind. Beim Binge Eating geht zeitweise die Kontrolle darüber verloren, was und wie sie essen. In regelmäßigen Heißhungerattacken verschlingen sie riesige Lebensmittelmengen, bevorzugt mit hohem Fett- und Zuckergehalt. Oft geschieht das in Situationen, in denen sich die Betroffenen traurig, einsam oder gestresst fühlen. Anschließend quälen sie sich mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Sozialer Rückzug kann die Folge der Essstörung sein, aber auch die Reaktion auf den Spott der Umwelt, dem dicke Kinder und Jugendliche häufig ausgesetzt sind.

  • Was sind die Ursachen von psychogener Adipositas – Esssucht – Binge Eating?

    Übergewicht entsteht, wenn der Körper durch die Ernährung mehr Energie bekommt, als er benötigt. Die überschüssige Energie wird für „schlechte Zeiten“ in Fettdepots umgewandelt. Aufgrund ihres genetischen Programms neigen manche Menschen stärker als andere dazu, bei Überernährung zuzunehmen. Diese Veranlagung bestimmt u. a. darüber, auf welche Weise der Körper Fett speichert und wie viele Fettzellen er anlegt. Dadurch kann Adipositas begünstigt werden, sofern weitere Risikofaktoren negativ ins Gewicht fallen. Dazu gehören die persönlichen Lebensumstände, allen voran das Vorbild der Eltern und die erlernten Essgewohnheiten in der Familie sowie durch Gleichaltrige. Als gesellschaftliche Einflüsse wirken ein ständig verfügbares Nahrungsangebot mit hohem Fettgehalt, der Trend zur Fast-Food-Ernährung, zunehmende Bewegungsarmut durch Motorisierung sowie passive Freizeitbeschäftigungen (Computer, Fernsehen). Krankhaftes Übergewicht kann auch medizinische Gründe haben: bestimmte Medikamente, organische Erkrankungen oder ein seelisches Leiden, das zu einer Essstörung führt.

  • Wie wird psychogene Adipositas – Esssucht – Binge Eating diagnostiziert?

    Ein wichtiges Kriterium bei der Diagnostik von Adipositas ist die Bestimmung des Body-Mass-Index (Körpermasseindex). Um diesen Wert zu erhalten, wird das Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Erwachsene mit einem BMI über 30 gelten als adipös (fettleibig). Bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre berücksichtigen BMI-Wachstumskurven zusätzlich das Alter und das Geschlecht des Patienten. Die Messung der Hautfaltendicke oder des Taillenumfangs liefert weitere Anhaltspunkte. Bei der körperlichen Untersuchung wird auch überprüft, ob sich bereits gesundheitliche Folgen bemerkbar machen. Erster Anlaufpunkt können eine Beratungsstelle, der Kinder- bzw. Hausarzt sein. Zeigt sich im diagnostischen Gespräch seelischer Leidensdruck, sollten Fachärzte oder Psychologen hinzugezogen werden. Psychische Probleme können sowohl Ursache als auch Folge von massivem Übergewicht sein.

  • Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

    Das Behandlungskonzept hängt davon ab, welche Ursachen hinter dem übermäßigen Essen stecken. Die Gewichtsreduktion geht jedoch immer einher mit dem Einüben neuer Verhaltensweisen, sei es in einer Rehaklinik, einem ambulanten Schulungs- und Ernährungsprogramm oder in einem kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungsumfeld. Bewährt hat sich die Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Einbeziehung der Eltern ein wichtiger Faktor für den Behandlungserfolg. Machen sich Selbstwertverlust, Depressionen und soziale Ängste bemerkbar, kann eine begleitende Psychotherapie hilfreich sein. Esssucht oder Binge Eating bedürfen eines ebenso intensiven Psychotherapieprogramms wie Bulimie und Anorexie.

  • Welche Folgen kann eine ausbleibende Behandlung haben?

    Starkes Übergewicht ist ein Risikofaktor für viele körperliche Erkrankungen. Schon bei Kindern werden heute Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder erhöhte Blutzuckerwerte festgestellt. Als Spätfolgen im Erwachsenenalter können z. B. Herz-Kreislauf-Leiden, Schlaganfälle, Diabetes sowie Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems auftreten. Nicht zu unterschätzen sind die möglichen psychischen Folgen bis hin zum Selbsthass und zur Depression. Frühe Ablehnungserfahrungen aufgrund ihres Gewichtes können bei Kindern und Jugendlichen zu einem gestörten Selbstbild, einem tiefen Mangel an Selbstwertgefühl und zur sozialen Isolation führen. Eine erst spät oder nicht behandelte Binge Eating Störung kann chronisch werden und viele Jahre andauern. Mögliche Folgen sind massives Übergewicht, psychische und sozialen Probleme. Insgesamt gilt die Lebenserwartung bei Adipositas als verringert.

  • Wie kann man als Angehöriger die Behandlung unterstützen?

    Bei Kindern und Jugendlichen hängt der dauerhafte Erfolg einer Therapie maßgeblich davon ab, wie gut die gesamte Familie informiert ist und mitzieht. Motivation und Unterstützung während der Behandlung sind ebenso wichtig wie ein häuslicher Rahmen, in dem das Kind neu erlerntes Verhalten umsetzen kann. Regelmäßige Mahlzeiten in entspannter Atmosphäre, Regeln und Rituale sorgen für Sicherheit. Fernseher und Radio sollten während des Essens ausgeschaltet sein. Je jünger die Kinder sind, umso wichtiger ist die Vorbildwirkung der Eltern. Das betrifft nicht nur das Essverhalten, die Einstellung zu gesunder Ernährung und Bewegung, sondern auch den Umgang mit Stress und Problemen. Es braucht einen langen Atem, das Gewicht dauerhaft zu reduzieren, die seelischen Folgen von Adipositas zu bearbeiten oder eine Essstörung zu überwinden. Deshalb sollten sich auch die Angehörigen Unterstützung suchen, z. B. in Selbsthilfegruppen, in Beratungsstellen oder bei Freunden. Das kann langfristig vor allem hilfreich sein, wenn Übergewicht in der Familie liegt.

  • Wie kann man psychogene Adipositas – Esssucht – Binge Eating dem Umfeld vermitteln?

    Essstörungen mit einem Zuviel an Nahrung und Gewicht sind ebenso ernst zu nehmen, wie jene in die andere Richtung. Auch hinter Binge Eating und der psychogenen Esssucht liegen unbearbeitete seelische Konflikte. Kränken und kritisieren sind der falsche Weg. Sie führen die Betroffenen schlimmstenfalls in einen Teufelskreis aus Ablehnung, Rückzug und Essen als Trost. Hilfreich dagegen ist Ermutigung, sich mit ihrer psychisch bedingten Neigung auseinanderzusetzen, in Stresssituationen übermäßig viel zu essen.

  • Welche Hilfen bietet Salus?

    Kinder und Jugendliche mit psychogener Esssucht oder einer Binge Eating Störung können sich in den psychiatrischen Institutsambulanzen zur ambulanten Beratung und Diagnostik vorstellen. Dabei geht es in erster Linie darum, die psychischen Verstärker des gestörten Essverhaltens zu ermitteln und zu bearbeiten. Zeigen sich weiterführende psychische Störungen, bestehen ambulante, tagesklinische und vollstationäre Angebote in den Kliniken und Einrichtungen der Salus.

    Im Salus Fachklinikum Uchtspringe (Ortsteil der Hansestadt Stendal) gibt es eine psychosomatische Station mit einem speziellen Programm für essgestörte Mädchen und Jungen. Dazu gehören u. a. psychotherapeutische Gruppen- und Einzelgespräche, Aufklärung über Hintergründe und Zusammenhänge der Essstörung, soziales Kompetenztraining, Schulung der Körperwahrnehmung, Physiotherapie, Gewichtsmanagement und Ernährungstherapie. Begleitend erfolgen ambulante Beratungs- und Aufklärungsgespräche für Eltern und Geschwister. Auch bei allen anderen Therapieformen sind die Familien eng eingebunden.

    In den kinder- und jugendpsychiatrischen Tageskliniken Bernburg, Dessau, Salzwedel, Stendal, und Wittenberg verbringen die Patienten den Tag gemeinsam und kehren nachmittags in ihr gewohntes Umfeld zurück. An Wochenenden und Feiertagen bleiben sie bei ihren Familien.

    Psychiatrische Institutsambulanzen (PIA) der Salus befinden sich in Stendal, Stendal/Uchtspringe, Salzwedel, Bernburg, Dessau und Wittenberg. Ambulante Diagnostik und Therapie laufen hier wie bei niedergelassenen Ärzten nach einem Terminsystem.

    Die Medizinischen Versorgungszentren der Salus-Praxis in Bernburg, Dessau-Roßlau, Magdeburg, Oebisfelde und Stendal  bieten ebenfalls ambulante fachärztliche Hilfe an.

Autorin

Edda Gehrmann

Fachliche Begleitung

Chefärztin, Dr. med. Ute Ebersbach

Hinweis

Dieser Artikel enthält allgemeine Hinweise und erhebt nicht den Anspruch, alle Facetten der komplexen Thematik zu beleuchten. Er darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden und  kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

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