Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)

Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung haben sehr große Mühe, sich die Schriftsprache anzueignen. Bei Lesegenauigkeit, Lesegeschwindigkeit, Leseverständnis und/oder Rechtschreibfertigkeit liegen sie deutlich hinter ihren Altersgenossen zurück. In allen Situationen, die Lesen und Schreiben erfordern, sind diese Kinder erheblich beeinträchtigt. Lassen sich ihre Schwierigkeiten weder auf unzureichendes Lernen noch auf eine geminderte Intelligenz oder andere körperliche, neurologische und psychische Erkrankungen zurückzuführen, sprechen Mediziner von einer „umschriebenen Entwicklungsstörung“. Dabei entwickeln sich einzelne, klar abzugrenzende Fähigkeiten – in diesem Fall Lesen und Schreiben – von Beginn an nicht altersgerecht. Dies sagt nichts über die allgemeine Begabung des Kindes aus. Fünf bis sechs Prozent der deutschen Schulkinder sind von einer Legasthenie betroffen. Lesestörung und Rechtschreibstörung können auch einzeln auftreten.

Wichtigste Fragen zu Lese-Rechtschreibstörung

  • Was sind die Anzeichen einer Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)?

    Wenn Kinder das Lesen erlernen, ist es normal, dass es anfangs langsam und stockend vorangeht. Verbessern sich ihre Lesefertigkeiten jedoch trotz Übens über einen längeren Zeitraum nicht, könnte dahinter eine Legasthenie stecken. Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung lesen sehr langsam, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort. Sie müssen sich so stark darauf konzentrieren, dass sie den Sinn des Gelesenen nicht erfassen. Sie verwechseln, vertauschen oder vergessen Buchstaben, lassen Wörter oder Wortteile aus, verdrehen sie oder fügen Teile hinzu und verlieren schnell die Zeile im Text. Oft ist es den Kindern nicht möglich, gehörte Laute eindeutig voneinander zu unterscheiden. Fast immer sind mit einer Lesestörung auch Rechtschreibschwierigkeiten verbunden. Ähnliche Buchstaben wie d und b, p und q oder u und n werden häufig verwechselt, die Groß- und Kleinschreibung macht Probleme, Wörter tauchen in unterschiedlichen falschen Versionen und manchmal auch in richtiger Schreibweise auf. Dass die Kinder ein ernstes Problem haben, wird oft erst erkannt, wenn sie nur noch mit Angst, Kopf- und Bauschmerzen in die Schule gehen. Am Wochenende und in den Schulferien verschwinden die körperlichen Beschwerden in der Regel.

  • Was sind die Ursachen der Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)?

    Die umschriebene Lese-Rechtschreibstörung lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Großen Einfluss haben vermutlich genetische Faktoren. So sind in einer Familie häufig auch Geschwister und Eltern von Legasthenie betroffen. Neurobiologische Forschungen belegen, dass bei Menschen mit umschriebener Lese-Rechtschreibstörung die Informationsverarbeitung in bestimmten Gehirnbereichen anders verläuft. Das umfasst u. a. visuelle und lautsprachliche Informationen sowie ihre Verknüpfung im Gehirn. Kommen Gedächtnisprobleme hinzu, wird das Speichern und Abrufen von Buchstaben und Wortbildern erschwert. Ein Lebensumfeld, das Kindern kaum Lernanreize bietet und das Lesen und Schreiben nicht fördert, kann sich auf den Verlauf der Lese-Rechtschreibstörung auswirken.

  • Wie wird die Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) diagnostiziert?

    Die Diagnostik von Lese-Rechtschreibstörungen ist sehr umfangreich. Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben können unterschiedliche Gründe haben, darunter eine Aufmerksamkeitsstörung, eine Lernbehinderung, Epilepsie oder eingeschränktes Sehen und Hören. Deshalb sollte gegebenenfalls auch an eine augen- und ohrenärztliche Untersuchung gedacht werden. Eine fundierte Legasthenie-Diagnose ist erst ab der Schulzeit möglich. Fachleute, z. B. Kinder- und Jugendpsychiater und Psychologen, ermitteln in Gesprächen und Untersuchungen u. a. die psychische Verfassung des Kindes, seine körperlich-neurologische Entwicklung und seine Lebensumstände. Die Lese- und Schreibfertigkeiten, die motorischen und die sprachlichen Fertigkeiten sowie die allgemeine Intelligenz lassen sich durch standardisierte Testverfahren überprüfen. Hilfreich für die Diagnostik ist ein Bericht der Schule zum aktuellen Leistungsstand und zur Lernentwicklung.

  • Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

    Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung brauchen andere Lernstrategien und seelische Stärkung. Mit Hilfe spezieller Arbeitstechniken und Lernmedien (Bücher, Spiele, Lernsoftware etc.) lässt sich z. B. systematisch trainieren, Buchstaben und Laute einander zuzuordnen, Wörter in Silben zu gliedern, Laute und Silben flüssig zu verbinden und orthographische Regelmäßigkeiten zu erkennen. Jedes Kind bringt seine persönlichen Voraussetzungen mit und benötigt demzufolge seine individuellen Förderschwerpunkte. Zudem haben die anhaltenden Misserfolge im normalen Schulalltag, Hänseleien und Mobbing die Kinder oft demotiviert und ihr Selbstwertgefühl beschädigt. Psychotherapeutische Begleitung kann u. a. dabei helfen, die eigenen Stärken zu entdecken und besser mit der Lese-Rechtschreibstörung umzugehen. Zu einem erfolgversprechenden Therapiekonzept gehört immer auch die begleitende Beratung der Eltern. Sie erfahren u. a., wie sie mit ihrem Kind am besten Lesen und Schreiben üben, wie sie es ermutigen und Konflikte rund um die Hausaufgaben entschärfen. Optimal für Kinder mit Legasthenie ist ein Zusammenspiel aus besonderer Förderung in der Schule, außerschulischer Hilfe und Unterstützung zu Hause.

  • Welche Folgen kann eine ausbleibende Behandlung haben?

    Wenn Kinder nicht ausreichend Lesen und Schreiben lernen, wirkt sich das auf ihr gesamtes weiteres Leben aus. Trotz guter Intelligenz und Begabung in anderen Bereichen ist die Schule nach dem herkömmlichen Muster für diese Kinder kaum zu bewältigen. Die Lese-Rechtschreibstörung macht sich in fast allen schulischen Bereichen bemerkbar. Schulangst, schlechte Schulabschlüsse, Schulverweigerung und Schulabbruch können die Folgen sein. Die betroffenen Menschen haben es oft sehr schwer, einen Beruf zu erlernen, der ihren Wünschen und Stärken entspricht. Sie werden von ihrer Umgebung nicht selten als dumm und faul abgestempelt. Ein Teil von ihnen reagiert darauf mit psychischen Erkrankungen. Im Zusammenhang mit Lese-Rechtschreibstörungen entwickeln sich häufig auffälliges, aggressives Verhalten, Aufmerksamkeitsstörungen und depressive Verstimmungen. Wird die Lese-Rechtschreibstörung frühzeitig erkannt und den Kindern mit entsprechender Förderung geholfen, kann ihnen das viel Leid ersparen.

  • Wie kann man als Angehöriger die Behandlung unterstützen?

    Eltern unterstützen ihr Kind am besten, wenn sie ihm den Rücken stärken. Lassen Sie Ihr Kind spüren, dass Sie es lieben, unabhängig davon, wie gut es lesen oder schreiben kann. Ermutigen Sie es, seinen Interessen und Begabungen zu folgen und machen Sie die Lese-Rechtschreibstörung nicht zum dominierenden Thema. Informieren Sie sich, wie Sie mit Ihrem Kind zu Hause lernen können. Es gibt bei Lese-Rechtschreibstörung besondere Strategien und Lernmaterialien, beispielsweise ein speziell für Eltern entwickeltes Rechtschreibtraining. Wichtig ist der Kontakt zur Schule, um über die Entwicklung dort auf dem Laufenden zu bleiben und die Rechte des Kindes zu wahren. Einige Bundesländer haben einen Nachteilsausgleich für Schüler mit Legasthenie gesetzlich geregelt (z. B. Zeitzuschlag, keine Noten für die Lese- und Rechtschreibleistung). Oftmals kommt es in der Familie zu Streit und Konflikten um die Hausaufgaben. Lassen Sie sich nicht entmutigen und holen Sie sich Rat und Zuspruch, z. B. bei Fachleuten, Freunden oder in Selbsthilfegruppen.

  • Wie kann man die Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) dem Umfeld vermitteln?

    Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung sind weder dumm noch faul. Oft strengen sie sich sogar mehr an als Gleichaltrige und fallen durch eine starke Diskrepanz zwischen ihrer guten Auffassungsgabe und den schlechten Lese- und Schreibfähigkeiten auf. Die Schule ist für sie eine besonders große Hürde. Deshalb sollten ihre Eltern das Gespräch mit dem Klassenlehrer suchen und die Situation erklären. Wenn die Pädagogen Bescheid wissen, lassen sich unnötiger Druck, kränkende und bloßstellende Situationen vermeiden. Gemeinsam mit den Eltern können sie über Rahmenbedingungen nachdenken, die dem Kind das Lernen erleichtern.

  • Welche Hilfen bietet Salus?

    Die kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken  der Salus verfügen über die zur Diagnostik der Lese-Rechtschreibstörung erforderlichen Methoden. Eltern können ihre Kindern in den psychiatrischen Institutsambulanzen zur Diagnostik und Beratung vorstellen, wenn sich aus der Lese- und Rechtschreibstörung andere psychische Belastungen und Symptome ergeben. Zeigen sich weiterführende psychische Störungen, z. B. auffälliges Verhalten, Aufmerksamkeitsstörungen oder depressive Verstimmungen, gibt es verschiedene ambulante, tagesklinische und vollstationäre Behandlungsmöglichkeiten.

    Angebote zur vollstationären Behandlung bestehen in Uchtspringe (Ortsteil der Hansestadt Stendal) und in Bernburg.

    In den kinder- und jugendpsychiatrischen Tageskliniken Bernburg, Dessau, Salzwedel, Stendal, und Wittenberg verbringen die Patienten den Tag gemeinsam und kehren nachmittags in ihr gewohntes Umfeld zurück. An Wochenenden und Feiertagen bleiben sie bei ihren Familien. In Salzwedel gibt es eine Familientagesklinik, wo Eltern und Kinder gemeinsam aufgenommen werden.

    Psychiatrische Institutsambulanzen (PIA) der Salus befinden sich in Stendal, Salzwedel, Bernburg, Dessau und Wittenberg. Ambulante Diagnostik und Therapie laufen hier wie bei niedergelassenen Ärzten nach einem Terminsystem.

    Die Medizinischen Versorgungszentren der Salus-Praxis in Bernburg, Dessau-Roßlau, Magdeburg, Oebisfelde und Stendal bieten ambulante fachärztliche Hilfe.

Autorin

Edda Gehrmann

Fachliche Begleitung

Chefärztin, Dr. med. Ute Ebersbach

Hinweis

Dieser Artikel enthält allgemeine Hinweise und erhebt nicht den Anspruch, alle Facetten der komplexen Thematik zu beleuchten. Er darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden und  kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

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