Gardelegen. „Jeder Frühling trägt den Zauber eines Anfangs in sich.“ Diese Worte stammen von Monika Minder und beschreiben sehr treffend, was in diesen Tagen in der Natur passiert und in unserer Gefühlswelt ausgelöst wird. Die sogenannten Frühlingsgefühle werden geweckt – aber gibt es sie wirklich? Oder bilden wir uns das nur ein? Darüber haben wir mit Candy Nawrocki, Dipl. Rehapsychologin (FH) und Psychoonkologin im Altmark-Klinikum Gardelegen, gesprochen.
Frau Nawrocki, der Frühling wird mit Neuanfang und Aufblühen assoziiert. Wie kann man sich das aus psychologischer Sicht vorstellen mit den Frühlingsgefühlen, entwickeln die sich immer wieder neu?
Candy Nawrocki: Wir alle erleben es ja gerade – der Winter kann natürlich auch wunderschön sein. Alles ist ruhiger. Wir ziehen uns in unser heimeliges Zuhause zurück, machen es uns gemütlich. Doch am Ende des Winters war es nun auch lange genug draußen kalt gewesen. Die Tage waren lange genug gefühlt zu kurz. Viele von uns waren weniger draußen oder aktiv. Manchen von uns schlagen die grauen Farben vielleicht auch allmählich auf‘s Gemüt. Und nun, mit Beginn der Frühlingszeit, scheint uns nach diesem langen Winter endlich wieder die Sonne ins Gesicht. Die Temperaturen steigen. Morgens und abends ist es schon deutlich länger hell. In vielen Menschen macht sich Aufbruchsstimmung breit: Wir wollen raus an die Luft, wieder aktiver sein. Die Lust am Leben wird geweckt. Und wenn wir mal in die Natur schauen, macht es ja definitiv auch den Eindruck, als müssten Frühlingsgefühle tatsächlich existieren: Die Vögel zwitschern was das Zeug hält. In der Tierwelt geht es um Partnersuche, Fortpflanzung und Pflege des Nachwuchses. Und auch die Pflanzenwelt erwacht wieder zum Leben, es grünt und blüht. Überall sind wieder viel mehr Farben, ist viel mehr Leben zu sehen.Zusammen mit der erwachenden Natur erwachen auch wir. Wir sind ja auch ein Teil der Natur. So kann man davon ausgehen, dass Frühlingsgefühle sich jedes Jahr wieder neu entwickeln können.
Was sind die Ursachen für diese Gefühle?
Während im Winter durch den geringen Anteil an Tageslicht das Hormon Melatonin (reguliert den Tag-/Nachtrhythmus und wirkt schlafanstoßend) erhöht ist, werden im Frühling mit zunehmender Lichtintensität die „Gute-Laune-Hormone“ so richtig in Schwung gebracht. Und diese sorgen für Glücks- oder auch Frühlingsgefühle.Durch das Sonnenlicht wird beispielsweise der Gegenspieler von Melatonin stimuliert. Das nennt man Serotonin und wird auch als Wohlfühlhormon bezeichnet. Es macht uns wacher, aktiver und sorgt für eine bessere Stimmung. Mit der Sonne wird aber auch das Glücks- und Wohlfühlhormon Endorphin vermehrt ausgeschüttet. Dieses wird aber auch bei anderen positiven Aktivitäten angeregt. Beispielsweise bei Bewegung, wenn man lacht oder ein gutes Essen genießt. Außerdem wird dem Endorphin eine schmerzstillende Funktion zugesprochen. Dann gibt es noch die durch das Sonnenlicht angeregten Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin, welche unsere Aufmerksamkeit und Wachheit regulieren. Mit ihnen werden wir angetrieben, motiviert und wir fühlen uns leistungsfähiger. Nicht zuletzt ist da noch das Vitamin D, welches sich durch direkte Sonneneinstrahlung auf die Haut bildet und nicht nur ganz wichtig für Knochen, Muskeln und unser Immunsystem ist, sondern auch die Stimmungslage stabilisiert. Und das bedeutet: Wie glücklich wir uns fühlen und wie ausgeprägt unser physisches und psychisches Wohlbefinden ist, hängt demnach zu einem nicht unerheblichen Teil von der Bildung unserer Glücks- und Wohlfühlhormone ab. Das Sonnenlicht ist also sehr wichtig für uns, weil wir darüber unsere Botenstoffe produzieren.
Ist es eigentlich möglich, diese auch zu einer anderen Jahreszeit zu wecken? Könnte man diesen Zustand also verlängern?
Wenn wir diese Erkenntnisse innerhalb unseres Alltags anwenden, könnte sich dieser Zustand natürlich auch verlängern lassen. Nehmen wir auch in anderen Jahreszeiten ausreichend lange Tageslicht auf, steigt der Anteil der Glückshormone. Tauchen wir auch im restlichen Jahr regelmäßig und viel in die Natur ein, können wir uns auch an anderen jahreszeitlichen Besonderheiten erfreuen. Und nicht zuletzt: Bewegen wir uns regelmäßig draußen, hat das einen zusätzlichen stimmungsaufhellenden Effekt. Die gute Laune und Glücksgefühle steigen an, während Stresshormone durch Bewegung eher unterdrückt werden. Und wenn es uns dann noch gelingt, uns regelmäßig mit netten Menschen zu umgeben und uns um andere und auch uns selbst gut zu kümmern, können sich unsere Glücks- und Wohlfühlhormone bestimmt auf gutem Niveau halten.
Dann können Sie also abschließend die Frage mit „Ja“ beantworten: Gibt es wirklich Frühlingsgefühle?
Ja, Frühlingsgefühle sind kein Mythos, es gibt sie wirklich.
