Nach einem mehr als 30jährigen beruflichen Engagement im heutigen Salus-Fachklinikum Uchtspringe verabschiedet sich Dr. med. Ute Ebersbach, Chefärztin der Klinik II für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, aus ihrer Leitungsposition in den Ruhestand. Diesem Anlass war am 24. September 2025 eine akademische Abschiedstagung gewidmet. Dazu hatte Frau Dr. Ebersbach langjährige Weggefährten als Referenten eingeladen hat und zog selbst ein Resümee über ihr erfolgreiches Wirken, das seit 2008 auch durch die Verantwortung als Chefärztin geprägt war. Zeit für ein Gespräch mit einer Frau, die das Miteinander im Team schätzt und stolz auf den verlässlichen Mitarbeitendenstamm „in the middle of nüscht“ ist.
Warum arbeiten Sie seit mehr als 30 Jahren in Uchtspringe und nicht anderswo? Was treibt Sie an?
Ich bin 1992 nach Uchtspringe gekommen, nachdem ich in meiner Tätigkeit als Kinderärztin begonnen hatte, mich für psychische Hintergründe von Erkrankungen und seelische Zusammenhänge bei körperlichen Beschwerden zu interessieren. Das hing auch damit zusammen, dass ich in der Poliklinik Stendal freitagnachmittags bereits eine Sprechstunde hatte, die speziell auf die Bedürfnisse von Kindern mit Problemen wie Einnässen, Kopf- und Bauchschmerzen und Schlafstörungen ausgerichtet war. Ich wollte also mehr über die Psychosomatik wissen. In Uchtspringe habe ich dann die passende Stelle und in puncto beruflicher Entwicklung meinen Weg gefunden. Ich mag das Arbeiten in der Kinder-und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie sehr: Es ein Fachgebiet mit eindrucksvollen Berührungspunkten zu gesellschaftlichen und kulturellen Problemen unserer Zeit, das eine große Vielfalt an therapeutischen Möglichkeiten und multiprofessioneller Zusammenarbeit bietet.
Wodurch ist diese therapeutische Vielfalt geprägt? Haben Sie vielleicht ein Beispiel?
Therapeutisch mit Literatur, Musik, Malen oder Imaginationen zu arbeiten und damit eine Heilung in Gang zu setzen, ist faszinierend und sehr real greifbar. Durch diese kreativen Angebote kann Innenpsychisches erreicht und gefördert werden. Außerdem ist die Arbeit mit den Familien und Angehörigen sehr spannend. Wenn es gelingt, zwischen den Familienmitgliedern das Verständnis füreinander und die Kommunikation miteinander zu verbessern, kann oft eine gemeinsame Zukunftsperspektive aufgebaut werden. Das ist dann ein großer Erfolg und gelingt am ehesten mit einem Team aus verschiedenen Professionen. Ich habe meine Aufgabe immer darin gesehen, alle miteinander zu verbinden, so dass ein Gesamtprojekt entstehen kann. Fallbezogen geht es darum, ein reflektiertes gemeinsames Verständnis für die jeweilige Problematik unserer Patienten zu entwickeln, damit wir „an einem Strang“ ziehen und alle Beteiligten ein motiviertes Gespür für das eigene Handeln gewinnen.
Auf welche Leistung in Ihrem Berufsleben sind Sie besonders stolz?
Da knüpfe ich gern an meine Antwort auf die vorherige Frage an: Besonders stolz bin ich darauf, dass wir mit den verschiedenen Berufsgruppen sehr gut im multiprofessionellen Team zusammenarbeiten. Dadurch ist es gelungen, unsere klinischen Spezialangebote zu erhalten und weiter zu entwickeln, so zum Beispiel in den Bereichen Psychosomatik und Sucht. Besonders am Herzen liegt mir auch unser Angebot für Jugendliche mit besonders schwerwiegenden und chronisch verlaufenden Erkrankungen, die sich in Impulsstörungen, Depression, Suizidalität und selbstverletzendem Verhalten zeigen. Deren Behandlung geht mit großen Herausforderungen einher, so dass der Aufbau unserer Station nach dem Konzept der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) sehr wichtig war. Nicht zuletzt haben wir es geschafft, unsere Konzepte auf den Stationen so zu gestalten, dass es klare Regeln und Grenzen für alle gibt. Durch gezielte Deeskalationsmaßnahmen haben wir weniger Übergriffe bei extrem aggressiven und autoaggressiven Kindern und Jugendlichen. Dieses fordert allen Beteiligten immer wieder ein intensives Arbeiten, hohe Motivation und Aufmerksamkeit ab, manchmal auch die Überwindung von Widerständen.
Während Ihrer Amtszeit als Chefärztin wurde in Uchtspringe ja auch der KJPPP-Neubau errichtet …
Genau, wir haben unser neues Haus 58 gebaut. In das Vorhaben waren insbesondere die ärztliche und pflegerische Leitung intensiv einbezogen: Wir wurden gehört und konnten mitgestalten, mussten auch Kompromisse schließen und haben letztlich deutliche räumliche Verbesserungen erreicht. Ich bin auch stolz darauf, dass wir trotz unserer Lage „in the middle of nüscht" und bei der schwierigen Fachkräfte-Situation in allen Berufsgruppen des Gesundheitswesens einen festen Mitarbeiterstamm haben. Gerade in angespannten Situationen aktivieren viele von uns ihre ganze Kraft, Kreativität und Solidarität. So geht es immer wieder voran. Zu den Erfolgsfaktoren gehört auch, dass wir viel in die Weiterbildung investieren.
Was unterscheidet die Kinder und Jugendlichen, die sie heute behandeln, von jenen zu Beginn ihrer fachärztlichen Tätigkeit?
Aus meiner Sicht waren in den 1990er Jahren sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch deren Eltern und Bezugspersonen eher bereit, Regeln einzuhalten, Grenzen zu akzeptieren und sich selbst aktiv in die Therapie einzubringen. Es ist zunehmend schwerer geworden, Eltern für die Mitarbeit zu gewinnen. Wir haben oft mit Menschen zu tun, die sehr viel von anderen erwarten, selbst jedoch in keine aktive Rolle gehen. Die Kinder werden ja oft wegen grenzüberschreitendem Verhalten, hoher Impulsivität oder ausgeprägter Passivität zu uns gebracht. Einige spiegeln damit genau die Lebensgewohnheiten ihrer Eltern wieder, die von ihren Kindern etwas erwarten, aber selbst die Stationsregeln nicht akzeptieren ... Nicht selten zeigt sich ein Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Phänomenen und psychischen Besonderheiten. An der Stelle gehört es auch zu unseren Aufgaben zu unterscheiden: Geht es wirklich um Krankheit oder um soziales Fehllernen?
Gibt es einen Fall in ihrer fachärztlichen Laufbahn, der ihnen in besonders nachhaltiger Erinnerung geblieben ist?
Es sind recht viele Kinder und Jugendliche, die mir nicht nur in Erinnerung, sondern auch im Herzen geblieben sind. Bei einigen kann ich mich an die Probleme und den Heilungsprozess noch bis ins Detail erinnern. Besonders gefreut habe ich mich immer, wenn mir ehemalige Patienten noch Jahre später geschrieben oder mich in der Klinik besucht haben, um zum Beispiel über ihren guten Werdegang zu erzählen. Aber es gibt auch Kinder und Jugendliche, deren weiterer Lebensweg nicht gut verlaufen ist. Da gilt es zu akzeptieren, dass eine Therapie allein keine Wunder bewirken kann. Die gesunde Persönlichkeitsentwicklung von Kindern braucht das viel zitierte „ganze Dorf“.
Wenn nicht Pädiaterin und Kinder- und Jugendpsychiaterin - was wäre dann vielleicht aus Ihnen geworden?
Schwierige Frage … Also: Bei unseren Bewerbungen zum Studium mussten wir eine zweite Studienrichtung angeben. Ich nannte Pharmazie, obwohl ich mich auch immer sehr für Psychologie interessiert hatte. Das war seinerzeit aber nicht so populär. Hätte ich das Medizinstudium nicht geschafft, wäre ich wohl in die Pflege gegangen, was mit einem frühen Berufswunsch zusammenhängt: Zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr wollte ich gern Säuglingsschwester werden.
Was bereitet Ihnen im Hinblick auf die psychische Gesundheit der heute aufwachsenden Kinder und Jugendlichen Sorge? Was stimmt Sie dennoch zuversichtlich?
Viele junge Menschen werden durch Medien mit Informationen und Eindrücken überflutet, die sie nicht verarbeiten können. Aus der Konfrontation mit einer Scheinwelt erwächst die Gefahr, dass sie sich nicht genug mit der Realität auseinandersetzen, also nicht mehr richtig lernen und wissen: Was ist im Leben wichtig? Was macht das Leben aus? Wie kann und will ich mein Leben gestalten?
Sorge bereitet mir auch, wenn Kinder und Jugendliche in ihren Familien ungesund aufwachsen, zum Beispiel ohne Rituale, gemeinsame Mahlzeiten und Beschäftigungen. Außerdem sind unsere Bildungseinrichtungen und Lernbedingungen für manche überfordernd und wenig haltgebend. Kurzum: Die körperliche, intellektuelle und emotionale Förderung in Elternhaus und Schule kommt häufig zu kurz. Zuversichtlich stimmt mich, dass es natürlich auch viele Mädchen und Jungen gibt, die emotionalen Kontakt und Grenzen von den Eltern sowie eine angemessene Bildung in KiTa und Schule bekommen. Es gibt kluge, einfühlsame und engagierte Menschen, die sich für Kinder und Jugendliche interessieren, sie begleiten, motivieren und bestärken. Diese Unterstützung ist ganz wichtig, denn man muss auch bedenken, dass sich globale Krisen wie Pandemie, Kriegs- und Konfliktsituationen oder der Klimawandel spürbar auf die psychische Gesundheit junger Menschen auswirken.
Welcher Tag in der Arbeitswoche war Ihnen oft am liebsten und warum?
Einen absoluten Favoriten zu nennen, fällt mir schwer. Ich mag den Donnerstag, an dem wir vormittags meistens die Fallbesprechungen auf der psychosomatischen Station machen. Ich liebe es, mir die Probleme und Lebensgeschichten unserer Patienten und ihrer Bezugspersonen genau anzuschauen, Zusammenhänge zu erkennen, um daraus die Therapiemaßnahmen abzuleiten. Aber ich finde auch die anderen Arbeitstage schön, arbeite zum Beispiel sehr gern mit dem Team in den Visiten und mit unseren Jugendlichen in den Einzel-, Familien- und Gruppengesprächen. Nicht zuletzt mag ich die Arbeit freitags in meiner MVZ-Sprechstunde in Stendal sehr, die ich auch im Ruhestand weiterführen werde.
Wenn Sie Bundesministerin für Gesundheit wären, was würden Sie besonders gern verändern?
Ich würde die Richtlinien für Pflegestufen bei Kindern und Jugendlichen überarbeiten. Bezogen auf mein Fachgebiet, müsste der hohe Behandlungsaufwand, der durch die Einbeziehung ganzer Familien entsteht, personell viel besser abgedeckt werden. In der Aus- und Weiterbildung braucht die KJPPP einen weitaus höheren Stellenwert und sollte nicht als „Anhängsel“ der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik für Erwachsene betrachtet werden: An jede Fakultät für Humanmedizin gehört ein eigenständiger KJPPP-Lehrstuhl! Aus meiner Sicht wäre auch die Abschaffung der speziellen Kinderkrankenpflege-Ausbildung zu korrigieren, denn: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Als Gesundheitsministerin würde ich zugleich eng mit den Ministerien für Familie und Bildung zusammenarbeiten, da viele Themen aus diesen Ressorts auch für die Gesundheit sehr wichtig sind.
Welche Lernerfahrung in ihrer beruflichen Laufbahn war für Sie besonders wichtig? Was machen Sie heute anders als früher?
Ich war früher eher bereit, den Eltern Verantwortung abzunehmen und mir selbst aufzuerlegen oder auferlegen zu lassen. In jüngeren Jahren habe ich mich auch schneller von anderen unter Druck setzen lassen, was sich zum Beispiel in meiner Haltung zu freiheitsbeschränkenden Maßnahmen zeigte. Heute erwarte ich mehr Überzeugungsarbeit, Motivation und aktive Mitarbeit von den Eltern und bin eher bereit, eine Behandlung auch mal zu unterbrechen. Ich setze stärker auf die Eigeninitiative der Jugendlichen und ihrer Bezugspersonen. Und ich kann die Therapieziele der Jugendlichen und das, was aus meiner Sicht erforderlich wäre, heute besser miteinander in Einklang bringen. Nicht zuletzt entscheide ich heute klarer: Was ist eher ein soziales Problem? Und was ist eine Verhaltensstörung im ärztlichen und therapiebedürftigen Sinne?
Wie sehen Sie sich auf alten Fotografien? Mit Wehmut?
Ich mag alte Fotos, weil sie mich an Vergangenes erinnern, an all das Schöne und Wehmütige. Es kommt immer darauf an, in welchem lebensgeschichtlichen Kontext das Foto entstanden ist. Viele Aufnahmen zeigen mir auch meine eigene Veränderung, mit der ich einverstanden bin. Oft bin ich jedoch verwundert, wie ernst ich auf einigen Bildern aussehe. Das stört mich manchmal, obwohl ich doch weiß, dass ich ja tatsächlich ein recht ernsthafter Mensch bin. Das melden mir auch die Jugendlichen zurück. Für einige ist es eine wichtige Erfahrung, dass Ernsthaftigkeit und Respekt Hand in Hand mit Vertrauen gehen. Was die Fotos betrifft, wünsche ich mir manchmal, dass noch mehr von meiner Lebensfreude und meinem Temperament sichtbar wäre.
Mit welchen bedeutenden Menschen unserer Zeit oder der Geschichte hätten Sie sich gern mal intensiver unterhalten und ausgetauscht?
Das ist eine spannende Frage. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich für die Anbahnung eines solchen Austauschs viel Zeit brauche. Ehrfurcht erzeugt bei mir erst mal eine gewisse Sprachlosigkeit. Wenn es die Gelegenheit gäbe: Zu den Persönlichkeiten, die ich gern persönlich kennengelernt hätte, gehören Margot Friedländer, Dorothea Tanning, Nelson Mandela, Reinhold Messner und Tina Turner.
Wie wollen Sie die neuen Freiräume nutzen, die das Leben Ihnen jetzt eröffnet?
Ich liebe es zu malen, werde mehr lesen und gemeinsam mit meinem Mann reisen. Ganz oben auf unserer Liste stehen Schottland und Italien. Ich möchte auch gern mehr Zeit mit unseren Kindern und Enkeln verbringen. Und ich werde mich intensiv damit auseinandersetzen, was ich habe und was ich wirklich brauche.
Schenken Sie uns abschließend noch eine Lebensweisheit?
„Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Ist nicht von mir, sondern von Erich Kästner. Das Zitat ermutigt, selbst aktiv zu sein und nicht darauf zu warten, dass andere etwas tun oder gute Dinge von allein passieren.
Herzlichen Dank für das Gespräch.





