Im Salus-Fachklinikum Uchtspringe fanden am 23. und 24. November 2023 die Feierlichkeiten anlässlich des 30jährigen Bestehens des Deutschen Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen statt. Das Team unter chefärztlicher Leitung von Dr. med. Beate Schell hatte dafür ein zweitägiges Fachprogramm vorbereitet, das vielfältige Einblicke in die therapeutische Arbeit zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eröffnete. Aktuelle Behandlungsstandards, Therapiekonzepte und Förderprogramme standen dabei ebenso im Blickpunkt wie Herausforderungen im Zeitalter der Inklusion. An der Veranstaltung nahmen überwiegend Mitarbeitende, Kooperationspartner und weitere Fachleute teil, die am Hilfesystem für hörgeschädigte Mädchen und Jungen beteiligt sind oder diese Expertise in ihre Arbeit einbeziehen.
Im ehemaligen Bezirkskrankenhaus Uchtspringe wurde 1968 begonnen, mit gehörlosen und von Mehrfachbehinderungen betroffenen Kindern zu arbeiten. Es war die einzige Einrichtung der DDR, in der die damals als „schulbildungsunfähig“ bezeichneten Mädchen und Jungen mit Hörschädigungen aufgenommen, gefördert und gebildet wurden. Um kommunikativen Zugang zu diesen folgenschwer isolierten jungen Menschen zu finden, hielt bereits damals die Gebärdensprache im klinischen Alltag Einzug.
Das große Reservoire an Spezialwissen, Verständnis und Erfahrung führte nach der Wende dazu, dass 1993 in Uchtspringe das „Deutsche Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen“ gegründet wurde. Seither werden schwerhörige und gehörlose Patient*innen aus dem ganzen Bundesgebiet hier behandelt, vereinzelt auch aus anderen deutschsprachigen Ländern.
Das Therapiekonzept ist integrativ ausgerichtet, die hörgeschädigten Kinder und Jugendlichen absolvieren ihre Therapie also in der Gemeinschaft mit hörenden Mädchen und Jungen. Dabei arbeiten verschiedene Berufsgruppen interdisziplinär zusammen, u.a. Fachkräfte aus Medizin, Psychologie, Pädagogik, Pflege und Heilerziehungspflege, Logopädie, Ergo-, Physio-, Sport- und Musiktherapie. Die Kommunikation wird durch lautsprachbegleitende Gebärden erleichtert, die von den beteiligten Mitarbeitenden entweder schon beherrscht oder im Rahmen der Weiterbildung erlernt werden. Für Jugendliche gehört es zum Therapieprogramm, dass hörende und hörgeschädigte Patient*innen gemeinsam Gebärden lernen und im Alltag auch anwenden.
Das bundesweit anerkannte Spezialzentrum steht seit 2008 unter chefärztlicher Leitung von Dr. med. Beate Schell. Sie knüpfte seinerzeit an die Aufbauarbeit an, die ihre Vorgängerin Dr. med. Erika Lischka bei der Neuprofilierung der klinischen Konzepte nach der Wende geleistet hatte. Mit Frau Dr. Schell sprachen wir über einige Aspekte der therapeutischen Arbeit.
Aufgrund welcher Probleme kommen hörgeschädigte Kinder und Jugendliche in Ihre spezialisierte Behandlung?
Überwiegend sind es Verhaltensstörungen, die zur Aufnahme in die Kinder- und Jugendpsychiatrie führen. Oft ist eine Situation erreicht, in der anscheinend nichts mehr geht und die Bezugspersonen in Familie, Schule und anderen Lebensbereichen ratlos sind. Viele der Kinder haben schulische Misserfolge und soziale Isolation erlebt und darauf mit Aggressionen, Rückzug oder anderen Verhaltensauffälligkeiten reagiert. Besonders schwierig kann es sein, wenn ein Kind auch in einer Sonderschule oder in anderen Förderbereichen nicht zurechtkommt, also kontakt- und kommunikationsgestört unter Hörgeschädigten bleibt. Leider kommt es aufgrund von Informationsdefiziten und Berührungsängsten mit der Psychiatrie immer noch vor, dass Betroffene sehr spät in unsere spezifische Behandlung finden, obwohl die psychischen Probleme schon über einen sehr langen Zeitraum bestanden.
Warum ist ein vollstationäres kinder- und jugendpsychiatrisches Spezialangebot für hörgeschädigte junge Menschen auch im Zeitalter der Inklusion sinnvoll?
Die Entwicklung hörgeschädigter Kinder weist einige Besonderheiten und Herausforderungen auf, die ohne entsprechene Erfahrung oft schwer zu erkennen sind. Wenn keine Kenntnisse in der Gebärdensprache oder mit Lautsprachbegleitenden Gebärden vorhanden sind, wäre ein integratives oder inklusives Setting nicht so einfach herzustellen. Unsere langjährige Erfahrung bei der Diagnostik und Therapie von hörbeeinträchtigten Kindern und Jugendlichen möglicht es, individuelle Lösungen zu entwickeln und spezifische Therapieangebote zu konzipieren. Beispielsweise fehlt es oft an einem Wortschatz, der eine Psychotherapie erst möglich macht. Hier ist dann ein entsprechender Wortschatzaufbau Voraussetzung und Bestandteil der Therapie.
Was können Eltern präventiv für die psychische Stabilität ihres Kindes tun, wenn es von einer Einschränkung des Hörvermögens betroffen ist?
Ganz wichtig ist, dass die Hörstörung überhaupt rechtzeitig erkannt wird, möglichst schon im Säuglingsalter, lieber einmal zuviel als einmal zu wenig Diagnostik. Jeder Monat, den eine Hörschädigung später entdeckt wird, wiegt schwer bei der sprachlichen Entwicklung und gesamten Persönlichkeitsentfaltung. Wird eine Hörschädigung festgestellt, ist zunächst die medizinische Seite zu betrachten. Dies kann Eltern oft vor schwierige Entscheidungen stellen, so zum Beispiel im Hinblick auf eine mögliche Cochlea-Implantat-Versorgung bei hochgradigen Hörverlusten. Ganz wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung ist es jedoch, alle psychosozialen Aspekte im Blickfeld zu haben. Eine Hörschädigung betrifft im Kern die gesamte Kommunikation innerhalb einer Familie und im sozialen Umfeld. Deshalb ist eine maximale sprachliche Förderung sinnvoll und unbedingt anzuraten. Methodisch sind zum Beispiel die Babyzeichensprache baby signs, Hausgebärdensprachkurse, Frühförderung oder Logopädie möglich. Bei der Auswahl helfen die pädaudiologischen Beratungsstellen und Landesbildungszentren gerne weiter.
Welche Möglichkeiten gibt es noch, um die Persönlichkeitsentwicklung im Angesicht einer Hörschädigung zu fördern?
Idealerweise haben Eltern schon früh Kontakt zu anderen Familien mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen oder auch Erwachsenen, die von dieser Einschränkung betroffen sind. Diese haben nicht nur Erfahrung mit der medizinischen Perspektive, sondern können Mut machen und Vorbild dafür sein, wie sich das Leben mit einer Hörschädigung gut und schön gestalten lässt. Da die Beeinträchtigung ja meist bestehen bleibt, kann eine frühzeitige Anbindung an die Hörgeschädigten-Community eine nicht zu unterschätzende Ressource zur Bewältigung von Problemen und Schwierigkeiten sein. Für Kinder ist es wichtig, dass auch bei einer möglichst weitgehenden Inklusion die Peer Group mit anderen hörgeschädigter Kindern und Jugendlichen zur Verfügung steht.


