Fachklinikum Bernburg

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Wenn Verdrängtes nach Jahrzehnten wieder aufflammt

Bernburger Symposium zu den Folgen von Flucht und Vertreibung für die psychische Gesundheit im Alter: Plädoyer für eine traumasensible Diagnostik, Therapie und Pflege

Die Auswirkungen von Flucht und Vertreibung auf die psychische Gesundheit im hohen Alter standen am 3. September 2025 im Blickfeld eines Symposiums im Salus-Fachklinikum Bernburg. Zu den Vorträgen, Diskussionen und Workshops, in denen auch aktuelle Erkenntnisse der Demenzforschung und altersspezifische therapeutische Konzepte thematisiert wurden, kamen mehr als 80 Interessenten aus der Fachöffentlichkeit. Die Veranstaltung der Fachabteilung für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie war eingebettet in die Aktivitäten anlässlich des 150-jährigen Bestehens des heutigen Salus-Fachklinikums Bernburg. 
 

Für den Impulsvortrag zur Veranstaltung konnte der renommierte Dipl. Psychologe, psychologische Psychotherapeut und Psychoanalytiker (DPG, DGPT) Prof. Dr. phil. Meinolf Peters gewonnen werden. Kenntnisreich, eindringlich und emotional bewegend ging der Experte vom Institut für Alterspsychotherapie und Angewandte Gerontologie Marburg darauf ein, wie sich das Erleben von Krieg, Flucht und Vertreibung in Kindheit und Jugend auf die Lebensläufe und Identitäten hochbetagter Menschen auswirken können. Er zeichnete dabei unter Gewichtung der historischen Dimension das Bild jener Generation, die in Kindertagen während und nach dem zweiten Weltkrieg der Flucht und Vertreibung ausgesetzt waren, extreme Belastungen wie Hunger, Not, Gewalt und Tod erlebten und in der neuen Heimat keineswegs willkommen waren. Wie die langfristigen Folgen der Traumatisierung von Geflüchteten und Vertriebenen zeigen, ist es in der Nachkriegszeit kaum gelungen, das Erlebte zu verarbeiten. Die Voraussetzungen waren denkbar schlecht, zumal auch die harte und restriktive Erziehungshaltung jener Zeit keinen Raum für Empathie ließ. Sie trug eher zur unheilvollen Sprachlosigkeit und Verdrängung bei. Da im Alter die Vulnerabilität und das Risiko für eine Trauma-Reaktivierung steigt, lange Verdrängtes wieder aufflammen und sich in der Sprache von Krankheitssymptomen zeigen kann, ist die Thematik aus Sicht von Prof. Dr. Peters heute u.a. in Versorgungsbereichen wie Gerontopsychiatrie und -psychotherapie, Geriatrie und Pflege relevant. Es sei wichtig, dass Fachkräfte um die spezifischen Traumata dieser Altersgruppe wissen, daraus eine traumasensible Haltung ableiten und auch mögliche Folgen für die Nachfolgegenerationen gewichten. 

Mit welchen Herausforderungen dies bei der Diagnostik und Behandlung psychischer Erkrankungen im hohen Lebensalter verbunden ist und wie in den therapeutischen Konzepten darauf eingegangen wird, zeigten im weiteren Verlauf des Symposiums dann Chefarzt Sayed Ghazi und die Abteilungsleitende Ärztin Dipl.-Med. Regina Wlodarczyk aus der Bernburger Fachabteilung für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie auf. Demnach ist die Einbeziehung lebensgeschichtlicher Erfahrungen in die Diagnostik, Behandlung und Pflege inzwischen längst integraler Bestandteil der klinischen Konzepte.  Besonders wichtig sind die darin enthaltenen narrativen Komponenten, also das Angebot eines geschützten Gesprächsraumes, in dem das strukturierte Erinnern unterstützt, das Erlebte beleuchtet und biografisch möglichst sinnstiftend eingebettet wird. Nach dem Vortragsprogramm des Bernburger Symposiums bestand dann die Gelegenheit zur Teilnahme an drei Workshops. Diese waren den Themen „So fühlt es sich an, alt zu sein“, „Psychotherapie im Alter“ sowie „Palliativversorgung in der Gerontopsychiatrie“ gewidmet.

Kurz informiert. Die Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (abgeleitet von griechisch „géron“- Greis) befasst sich mit der Erkennung und Behandlung von psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung wächst die Bedeutung dieses Fachgebiets, denn: Prognosen zufolge wird Sachsen-Anhalts Bevölkerung in 20 Jahren die älteste in ganz Europa sein. Der Anteil der über 65-Jährigen steigt von heute 24,2 auf 36 Prozent im Jahr 2030. Die häufigsten Erkrankungen, die gerontopsychiatrisch behandelt werden, sind Demenzerkrankungen (insbesondere die Alzheimer’sche Erkrankung), Depressionen, aber auch Psychosen, Anpassungsstörungen nach Verlusterleben sowie Angsterkrankungen. 
Die Fachabteilung für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie des Salus-Fachklinikums Bernburg wurde als spezialisierter klinischer Bereich im Jahr 1977 etabliert und verfügt heute über drei Stationen mit insgesamt 48 Betten sowie  über ein tagesklinisches Behandlungsangebot. Neben der modernen Pharmakotherapie kommt ein nicht-medikamentöses Komplexprogramm zur Anwendung, das auf Mobilisierung, Stärkung der Alltagskompetenzen und damit auf ein Plus an Lebensqualität abzielt. Ergänzt wird das stationäre Angebot u. a. durch eine Gedächtnissprechstunde und eine Angehörigengruppe.
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